Polnisch-jüdische Erinnerungsgeschichte im heutigen Polen

Luca Thoma

Die Frage, wo und in welcher Form der Massenmord an den Juden Europas im heutigen Polen erinnert werden soll, beschäftigt die Gesellschaft und die kritische Öffentlichkeit im In- und Ausland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Debatte, anders als in westeuropäischen Staaten, sogar intensiviert und stärker politisiert. Die Frage, wie der Shoa gedacht werden soll, ist eng mit polnisch-nationalen Selbstbildern und Geschichtsperspektiven verbunden.

Zur Erinnerung an die Shoa in polnischen Museen und im Stadtbild von Warschau und Krakau wurde schon sehr viel geforscht. Eine Forschungslücke klafft jedoch in Bezug auf die Inszenierung und Imaginierung der polnisch-jüdischen Vergangenheit und der Annäherung an die Shoa in unwesentlich kleineren, aber deutlich weniger prominenten Städten wie Łódź, Białystok oder Bydgoszcz. An dieser Stelle soll die geplante Dissertation anschliessen. Sie baut auf meiner Masterarbeit zur Darstellung polnisch-jüdischer Beziehungen in einem Erinnerungspark zu Ehren der Überlebenden des Łódźer Ghettos auf und soll diese vertiefen sowie mit weiteren Fallbeispielen und Feldstudien in einen Dialog setzen, um so übergeordnete Aussagen treffen zu können.

Der Fokus des Dissertationsprojekts soll im Feld der Geschichtspolitik liegen. Die Frage, wie Erinnerungspolitik auf einer regional- und stadtpolitischen Ebene ausgehandelt – welche Rolle nationale Programme, Akteure und Imperative, aber auch lokale Grassroot-Initiativen sowie regionale staatliche und nicht-staatliche Akteure dabei spielen – wird ins Zentrum gerückt.

Insgesamt drei Erinnerungsorte werden analysiert, dokumentiert, begangen und verglichen: Der «Park der Überlebenden» in Łódź, das «Tal des Todes» in Bydgoszcz und der «Mordechaj Tenenbaum-Platz» in Białystok. Was diese drei Fallbeispiele verbindet und vergleichbar macht, ist zum einen die Gestaltung der Gedenkstätten als begehbare und erlebbare Erinnerungsorte im öffentlichen Raum, welche die jüdisch-polnischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs fokussieren, und zum anderen die Lage in drei Städten, welche allesamt Verwaltungszentren einer Wojewodschaft sind, also im Spannungsfeld zwischen nationaler, internationaler, regionaler und kommunaler Politik stehen. 

Den zweiten methodischen Rahmen neben der Geschichtspolitik bildet die Raumgeschichte: Die zu untersuchenden Gedenkstätten konstituieren «soziale Räume», in denen physische Voraussetzungen, gesellschaftliches Handeln und historische Diskurse und Projektionen miteinander verflochten sind – und sind ebenfalls Teil eines grösseren «sozialen Raums»: Eines Quartieres, eines Memorial-Komplexes, des Stadtgebiets, der polnischen «Mental Maps».

Das angestrebte Forschungsdesign folgt einem Dreierschritt, in welchem unterschiedliche Fragen an die Erinnerungsorte gestellt werden:

1) Die geschichtspolitische Ebene fokussiert die Genese der Gedenkorte: Wie entstanden diese Initiativen, welche Akteure waren an der Aushandlung der Inhalte beteiligt, wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen nationalem Zentrum und Stadtpolitik, zwischen staatlichen, halb-staatlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten Akteuren? Wer hatte zu welchem Zeitpunkt welche Form von Agency? Als Quellen dienen ExpertInnen-Interviews, eine systematische Aufarbeitung der publizistischen Berichterstattung, die Selbstdarstellungen der Institutionen und Gruppen sowie diverse Online-Quellen wie Blogs, Kartenmaterial und Social-Media-Einträge.

2) In einem zweiten Schritt folgt eine kultursemiotische und raumgeschichtliche Lektüre der Gedenkorte. Welche Symbole, Codes, Bilder und Narrative werden von Denkmälern, Texttafeln und Ausstellungselementen transportiert? In welcher Wechselwirkung stehen diese Elemente zueinander als Raumensemble? Welche Botschaften, welche historischen Sinn- und Deutungsangebote transportiert der Ort? In welchem Zusammenhang stehen die räumlichen Dispositionen der Orte mit Gebäuden und Denkmälern? Wie lassen sich die Botschaften des Parks in übergeordnete Diskurse und Debatten über die polnisch-jüdische Koexistenz und Konkurrenz während des Zweiten Weltkriegs einordnen? Als Quellen dienen unter anderem Pläne, Karten, ExpertInnen-Interviews und publizistische Berichterstattung.

3) In einem weiteren Schritt wird die Rezeption und Aneignung der Räume untersucht. Dabei werden Praktiken im Raum fokussiert: Welche Rituale finden regelmässig an den Gedenkorten statt, welche alltäglichen Praktiken sind im Raum zu beobachten und welchen Effekt erzielen sie bei den BesucherInnen? Wie nutzen Anwohnerinnen und Anwohner die raumpraktischen Angebote der Gedenkorte? Auf welche Art und Weise verknüpfen sich dabei Raumpraktiken und Raumdiskurse? Um vor Ort solche Beobachtungen zu machen, sind Feldstudien und teilnehmende Beobachtung im Rahmen der Forschungsreisen geplant. Dabei sollen vor Ort auch Interviews mit Besucherinnen und Besuchern gemacht und Eindrücke gesammelt werden. Den eigenen Standpunkt als Forschenden gilt es stets kritisch zu hinterfragen. Neben den Feldstudien wird auch auf Publizistik, ExpertInnen-Interviews und Online-Quellen zurückgegriffen, um die Praktiken und Rezeptionen vor Ort möglichst breit und systematisch zu erfassen.

Das Ziel dieser Dissertation ist es, neue Perspektiven auf ein viel bearbeitetes Thema zu werfen und durch diese neuen Foci auch master narratives zur polnisch-jüdischen Geschichte und dem bisherigen Forschungsstand kritisch zu hinterfragen. Es sollen nicht nur punktuell Erkenntnisse gewonnen und Befunde gemacht werden, diese sollen auch auf einer übergeordneten Ebene diskutiert werden.

Erstbetreuer: Prof. Dr. F. Benjamin Schenk

Zweitbetreuer: Prof. Dr. Erik Petry