"Es geht um deine Sache!" Populärer Journalismus und politische (Selbst-)Ermächtigung im Russländischen Reich, 1906-1914

Sophia Polek

Als im Russländischen Reich 1905 die erste Revolution ausbrach, willigte Nikolaj II. auf Druck der Strasse und seiner Berater in die Verabschiedung tiefgreifender politischer Reformen ein. Im Oktobermanifest gewährte er seinen Untertanen Vereinigungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Einsetzung einer gewählten Volksvertretung (Duma). Die männliche Bevölkerung des Imperiums erhielt das Stimm- und Wahlrecht und wurde damit erstmals politisch relevant. Mit dem konstitutionellen Zeitalter (1906-1914) brach eine neue Ära in der Geschichte Russlands an, die sich durch eine dynamische Entwicklung der politischen Debattenkultur - vor allem in den städtischen Zentren - auszeichnete. Greifbar wurde die Entfaltung der politischen Öffentlichkeit unter anderem in der aufblühenden Populärpresse. Tageszeitungen und Zeitschriften, die sich an ein Massenpublikum wandten, erreichten in Russland im frühen 20. Jahrhundert bereits eine Leserschaft von mehreren Millionen Menschen. - Das vorliegende Forschungsprojekt richtet den Blick auf die Journalist_innen der russischen Populärpresse, die den politischen Debattenraum durch ihr Schreiben mitgestalteten. Es fragt nach dem Selbstverständnis, der Schreibpraxis und dem politischen Handeln des Moskauer Starjournalisten Vlas Doroševič (1864-1922) und der Petersburger Duma-Reporterin und Frauenrechtlerin Ariadna Tyrkova-Williams (1869-1962). Zum einen sollen die autobiografischen Texte der beiden Akteur_innen auf ihr professionelles Selbstverständnis und ihre Interpretation des journalistischen Schreibens als selbstermächtigende und gleichzeitig massenpolitisierende Praxis hin untersucht werden. Zum anderen soll ein Korpus publizierter Artikel Doroševičs und Tyrkova-Williams’ mit Blick auf Themenauswahl, politische Forderungen und das in der narrativen Struktur der Artikel angelegte Verhältnis der Autor_innen zur Leserschaft analysiert werden. - Das Forschungsvorhaben leistet einen wichtigen Beitrag zur Journalismus-Geschichte und zur Geschichte politischer Öffentlichkeit im späten Zarenreich sowie zur Geschichte der russischen Frauenbewegung und schliesst damit eine bedeutende Forschungslücke. Durch Zusammenführung der Methoden der historischen Autobiografik und des literaturwissenschaftlichen Close-Reading bietet das Projekt vielfältige interdisziplinäre Anknüpfungspunkte. Gleichzeitig sind die im Projekt aufgeworfenen Fragen nach dem politischen Selbstverständnis von Journalist_innen und der Bedeutung des Journalismus für die Entfaltung politischer Öffentlichkeit - nicht nur mit Blick auf Russland - bis heute äusserst relevant.

Die Frage nach der Rolle von Journalismus und Pressefreiheit bei der Entfaltung politischer Öffentlichkeit und demokratischer Gesellschaften gehört zu einem zentralen Gegenstand der neueren Geschichte (Habermas 1962; Muhlmann 2008; Faulstich 2004; Curran 2011; Overholser/Jamieson 2005; Norris 2002, 1997)[1]. Für das vorrevolutionäre Russland wurden solche Fragen bisher jedoch nur sporadisch formuliert – zu dominant war häufig das Bild einer unter der staatlichen Zensur vermeintlich machtlosen russländischen Presse. In vielen vergleichenden medienhistorischen Studien wird der russische Fall mit der Bemerkung übergangen, im Zarenreich habe die Zensur eine dynamische Entwicklung der Presse a priori verhindert (Muhlmann 2008; Solov’ev 2017). Aus diesem Grund stellt die Journalismus-Geschichte des vorrevolutionären Russlands ein vernachlässigtes Forschungsfeld dar. Hier setzt das vorliegende Forschungsvorhaben an. Es verortet sich zeitlich im konstitutionellen Zeitalter des Russländischen Reiches und nimmt den Zeitraum von der Gründung der Ersten Duma 1906 und der Aufhebung der offiziellen Pressezensur bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Blick. Der Kriegsbeginn markiert mit Blick auf Kriegszensur und Materialknappheit den Beginn einer neuen Situation für die Presse, weshalb das Jahr 1914 als Endpunkt des Untersuchungszeitraums gewählt wurde.

Das Forschungsvorhaben konzentriert sich auf einen Journalisten und eine Journalistin derselben Generation, die sich aufgrund ihrer zeitgenössischen Bedeutung als Fallbeispiele anbieten. Der Moskauer Starjournalist Vlas Michajlovič Doroševič (1864-1922) begann in jugendlichem Alter als Nachrichtenreporter für lokale Tageszeitungen in Moskau und später in Odessa zu schreiben. In den späten 1890er Jahren entwickelte Doroševič ein wachsendes Interesse an imperial-politischen Themen wie etwa dem Straflagersystem in Sibirien und verschrieb sich der Idee, die Populärpresse müsse die Leser_innen dazu anleiten, sich mit «gesellschaftlichen Fragen» zu beschäftigen, da es dabei um ihre «Sache» gehe (Doroševič 2008, 655). Doroševič erlangte durch seine so scharfzüngigen wie humorvollen Feuilletons[2] in der Populärpresse den Status einer landesweiten Berühmtheit. Seine Karriere kulminierte 1902, als er den Posten des Chefredakteurs des in Moskau ansässigen Russkoe slovo (Das russische Wort), der grössten Tageszeitung des Russländischen Reiches, übernahm und auf dieser Stelle bis 1917 tätig war (Bukčin 2010; Schlögel 2002, Kapitel V; McReynolds 1991a, 1991b, 1990).

Die Petersburger Journalistin, Politikerin und Frauenrechtlerin Ariadna Vladimirovna Tyrkova-Williams verband ihr journalistisches Schreiben mit politischem Aktivismus (Ruthchild 2001). Ihren Weg zum Journalismus fand sie im Jahr 1897 aus der Not heraus: Sie begann zu schreiben, um die eigene Familie nach ihrer Scheidung über die Runden bringen zu können. Sie arbeitete für legale sowie illegale Petersburger Blätter und floh 1903 ins Deutsche Reich, um einer Haftstrafe wegen Schmuggels der verbotenen Zeitschrift Osvoboždenie (Befreiung) zu entkommen. Nach Ausrufung des Oktobermanifests 1905 kehrte Tyrkova-Williams nach St. Petersburg zurück, trat dem Zentralkomitee der liberalen Konstitutionell-Demokratischen Partei bei und arbeitete als Duma-Korrespondentin unter anderem für die grosse Petersburger Tageszeitung Birževye vedomosti (Börsen-Nachrichten). Gleichzeitig entwickelte sich Tyrkova-Williams zu einer prononcierten Verfechterin des Frauenstimm- und Wahlrechts und schrieb Artikel für die feministische Zeitschrift Sojuz ženščin (Union der Frauen). 1918 verliess Tyrkova-Williams Sowjetrussland aufgrund ihrer anti-bolschewistischen Haltung und zog mit ihrem zweiten Ehemann nach London, wo sie 1962 starb (Saburova 2016; Beaune-Gray 2013; Pahomov/Lupinin 2008; Ruthchild 2001).

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, Journalismus-Geschichte aus der Perspektive von Journalist_innen zu schreiben (nicht von Presseunternehmern, Zensoren oder Leser_innen) und somit eine spezifische Akteur_innengruppe des neuen politischen Debattenraums zu untersuchen. Dabei ist es ein besonderes Anliegen, den feministische Aspekt des Populärjournalismus zu beleuchten und der Frage nachzugehen, wie die Tyrkova-Williams in ihrem journalistischen Programm alte Forderungen der russischen Frauenbewegung an den neuen Kampf um politische Partizipation knüpfte. Mittels historischer Autobiografik und literarischer Textanalyse sollen so Journalismus-Geschichte, Geschichte politischer Öffentlichkeit und Frauengeschichte in eine Geschichte der journalistischen Kultur des konstitutionellen Zeitalters im Russländischen Reich verwoben werden. – Das Projekt konzentriert sich auf die russischsprachige Populärpresse der beiden Hauptstädte des Reiches, St. Petersburg und Moskau, von 1906 bis 1914. Diese zeitliche Begrenzung sowie die Fokussierung auf zwei zur ihrer Zeit berühmte Journalist_innen erlauben es, den Quellenumfang in einem überschaubaren Mass zu halten und zudem publizierte Texte zu finden, die sich eindeutig konkreten Autor_innen zuordnen lassen. Die autobiografischen und journalistischen Texte von Doroševič und Tyrkova-Williams werden mit einer interdisziplinären Quellenmethode untersucht. Durch die enge Textarbeit an den beiden sehr unterschiedlichen Fallbeispielen von Doroševič und Tyrkova-Williams kann ein breites Spektrum der Kultur des russischen Populärjournalismus in den Blick genommen werden. Das Forschungsvorhaben verspricht eine wichtige Lücke in der Journalismus-Geschichte des späten Zarenreiches zu schliessen und einen substantiellen Beitrag zur Geschichte politischer Öffentlichkeit, zur Entstehung und zum Selbstverständnis der neuen Berufsgruppe der Populär-Journalist_innen sowie zur Geschichte der russischen Frauenbewegung im konstitutionellen Zeitalter zu leisten.

 


[1] «Ohne Journalismus keine Demokratie», schreibt auch das jüngst lancierte Schweizer Online-Magazin Republik in seinem Manifest, https://www.republik.ch/manifest (05.03.2018).

[2] Unter «Feuilleton» (russ. fel’eton) ist nicht die heutige Form des Feuilletons zu verstehen. In der russländischen Presse wurden Artikel, die das Thema des Leitartikels (beziehungsweise dort referierte Ereignisse und Fakten) aufgreifen und näher ausführen als fel’eton bezeichnet. Diese Texte erklärten somit einer breiten Leserschaft bildhaft, einfach verständlich und unterhaltsam das Tagesgeschehen.