Zwischen Familienplanung und körperlicher Selbstbestimmung: Transnationale Bewegungen und die reproduktionspolitische Wende in Westeuropa (1950er–1970er Jahre)

Theresa Angenlahr

Das Projekt untersucht den Liberalisierungsprozess von Reproduktionspolitik, der in Westeuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzte. Es richtet den Fokus auf transnationale Vernetzungen reproduktionspolitischer AkteurInnen, den durch sie angestossenen Austausch von Personen und Praktiken seit Mitte der 1950er Jahre sowie dessen politische Auswirkungen. Als zentrales Fallbeispiel dienen grenzüberschreitende Praktiken des Schwangerschaftsabbruchs zwischen Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und Grossbritannien. Infolge der im westeuropäischen Vergleich frühen Liberalisierung der britischen Abtreibungsgesetzgebung mit dem Abortion Act 1967 reisten jährlich Zehntausende ungewollt Schwangere aus ganz Europa ins Vereinigte Königreich und vor allem nach London. Frauen aus Frankreich und der Bundesrepublik bildeten bis zur jeweiligen Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch in ihren Ländern Mitte der 1970er Jahre die beiden grössten Gruppen.

Das Projekt operiert analytisch auf drei Ebenen und untersucht erstens politische EntscheidungsträgerInnen aller drei Länder, zweitens Organisationen und Gruppierungen, die die Schwangeren bei den Fahrten unterstützten, und drittens die in die grenzüberschreitenden Praktiken involvierten ÄrztInnen sowie die reisenden Frauen selbst. Methodisch nimmt es Anleihen aus der transnationalen Geschichte und Sozialpolitik, der qualitativen Historischen Netzwerkanalyse sowie dem historischen Vergleich. Stärker als in bisherigen Arbeiten stehen zum einen das transnationale Wirken nicht-staatlicher Organisationen, Gruppierungen und AkteurInnen und zum anderen deren Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse und Gesetzesänderungen im Zentrum. Die zugrundeliegende Hypothese ist, dass der Liberalisierungsprozess von Reproduktionspolitik im Allgemeinen sowie von Schwangerschaftsabbruch im Besonderen für die untersuchten Länder nicht ausschliesslich auf nationalstaatlicher Ebene erklärt werden kann, wie es in der Forschung bisher vielfach geschehen ist. Vielmehr beeinflussten die grenzüberschreitenden Vernetzungen von Organisationen, Gruppierungen und IndividualakteurInnen diese Entwicklung massgeblich.