Der Nationalstaat in transnationaler Perspektive: Grenzüberschreitende Faktoren in der Geschichte der schweizerischen Sozialpolitik (1945-2000)

Das Forschungsprojekt untersucht die Frage, wieweit die neuere Sozialstaatsgeschichte von grenzübergreifenden Akteursnetzwerken und Wertvorstellungen geprägt ist. Die Sozialstaatsgeschichte – verstanden als breites Feld institutionalisierter staatlicher Sozialpolitik – galt in der Forschung lange als Bastion des Nationalen. Die Bedeutung inter-, supra- und transnationaler Netzwerke und Wertesysteme für die Sozialstaatsgeschichte blieb weitgehend ausgespart. In den letzten Jahren wurde diese Position durch innovative Studien zum Einfluss internationaler Organisationen und ideeller Transfers revidiert. Auf theoretischer Ebene zielt das Projekt darauf, die Kategorie des Nationalstaats aus der Perspektive der transnationalen Geschichte zu erhellen und Deutungen nationalstaatlicher Institutionalisierungen zu revidieren. Als empirische Fallstudie dient die schweizerische Sozialstaatsentwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Schweiz bildet wegen ihren vielfältigen Beziehungen zu internationalen Netzwerken und Organisationen und ihrer dynamischen Sozialstaatsentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen exemplarischen Untersuchungsraum. Drei exemplarische Bereiche der Sozialpolitik werden im Rahmen von drei Subprojekten untersucht: einerseits die „klassischen“ Sozialstaatseinrichtungen (Sozialversicherungen, Subprojekt A), andererseits die wenig beachteten sozialpolitischen Felder der Migrationspolitik (Subprojekt B) und der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (Subprojekt C). Zwei Untersuchungsebenen stehen im Vordergrund. Einerseits werden im Rahmen einer qualitativen Netzwerkanalyse die zentralen Akteurskonstellationen der grenzübergreifenden Transfers untersucht. Sie beruhen auf der Verflechtung von Individuen, zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen sowie staatlichen Behörden auf inter-, trans- und supranationaler Ebene. Andererseits wird die Wirkung grenzübergreifender universalistischer Normen- und Wertesysteme – von der Sozialen Sicherheit über Bürger- und Menschenrechtsvorstellungen bis zu Entwicklungskonzeptionen – analysiert. Dabei werden nicht nur deren Reichweite, sondern auch die Grenzen ihrer Wirkungsmacht untersucht. Um die Nachhaltigkeit des Projekts zu erhöhen werden Kernergebnisse der Netzwerkanalyse und zentrale Quellendokumente in die Datenbank Dodis (Diplomatische Dokumente der Schweiz) übertragen.

Teilprojekte

Entwicklungskonzeptionen transnational: Die schweizerische Entwicklungshilfe in Asien seit 1945 Bürger- vs. Menschenrechte: Der Einfluss ausländischer Akteure auf die Migrationspolitik der Kantone Basel-Stadt und Zürich (1960-1984)