Das Gedächtnis der Heldenstadt: Die Nachkriegsgeneration zwischen Alltag, Privileg und Pflicht

Ivo Mijnssen

Darstellung des sowjetischen Vormarsches nach Deutschland in einem Atlas für die vierte Klasse von 1971. Die Heldenstädte sind speziell rot markiert.

Erstgutachter: Frithjof Benjamin Schenk - Zweitgutachter: Amir Weiner

In meiner Dissertation befasse ich mich mit dem Gedenken an den «Grossen Vaterländischen Krieg» während der Brežnev-Ära (1964-1982). Die Grundthese lautet, dass das Kriegsgedenken als verbindendendes Element einer Gesellschaft diente, die von wachsenden generationellen und regionalen Unterschieden infolge von Urbanisierung sowie steigendem Bildungs- und Wohlstandsniveau geprägt war. Dabei hielt die Bevölkerung das Andenken an den Krieg auf der persönlichen und familiären Ebene hoch, während Staat und Partei es gleichzeitig für die Betonung von offiziellen Werten wie Patriotismus, Opferbereitschaft und Arbeitswille instrumentalisierten. Wichtigste Zielgruppe des staatlich orchestrierten Gedenkens war die Nachkriegsgeneration.

Diese Verknüpfung von kollektiver Bedeutung und staatlicher Ideologisierung des Kriegsgedenkens äusserte sich paradigmatisch in den 13 sogenannten «Heldenstädten». In Anerkennung ihres Widerstandswillens und ihrer Leistungen im Krieg wurden ihnen die höchsten staatlichen Auszeichnungen verliehen. Sie standen deshalb im Zentrum des offiziellen Gedenkens. Heldenstädte wurden an Feiertagen, in populärhistorischen Werken, auf Postkarten und im Rahmen von touristischen Angeboten unionsweit zelebriert. Den Bewohnern versprach die Aufnahme in den «Klub» der Heldenstädte einen symbolisch und ökonomisch privilegierten Status und ein attraktives Identitätsangebot. Gleichzeitig verband der Staat die Ehrung mit der moralischen Verpflichtung, dass sich die Heldenstadtbewohner durch harte Arbeit und vorbildliches Benehmen der Ehre als «würdig» erwiesen. Das Kriegsgedenken spielte daher im Alltagsleben und den sozialen Praktiken der Heldenstädte eine wichtige Rolle.

Ausgehend von der symbolischen Bedeutung der Heldenstädte befasse ich mich in meiner Dissertation mit Formen, Spielräumen und Grenzen des von der Brežnev’schen Gedenkkultur vermittelten, alltäglich gelebten Sowjetpatriotismus der Nachkriegsgeneration. Dabei stellt sich die Frage, ob die standardisierten Gedenkpraktiken die Herausbildung eines auf ihnen beruhenden spezifischen Identitätsentwurfs begründeten. Gleichzeitig sollen Brüche und Ambivalenzen in der Rezeption des offiziellen Heldenstadt-Diskurses analysiert werden. Nur so erschliesst sich die Rolle staatlich orchestrierten Gedenkens in der Schaffung von gesellschaftlichem Konsens auch aus der Perspektive der Unterdrückung von Alternativdiskursen in einem autoritären politischen System.

Bei meiner Untersuchung gehe ich in zwei Schritten vor: Erstens werden die diskursive Bedeutung und kulturelle Topographie – primär Gedenkstätten an den Krieg – der Heldenstädte untersucht. Anhand von zwei Fallstudien, Tula und Novorossijsk, wird zweitens der Einfluss des Heldenstadt-Status auf die lokale Identität der Bewohner und das Stadtbild rekonstruiert. Bewusst wurden zwei Städte gewählt, die sich hinsichtlich ihrer gesamtsowjetischen Prominenz und der lokalen Bedeutung des Heldenstadt-Diskurses unterscheiden.

Tula, ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie, war die letzte Stadt, die nach wiederholter Bewerbung in der Brežnev-Ära ausgezeichnet wurde. Sie gehörte zu den weniger bekannten Heldenstädten. Im Gegensatz dazu war Novorossijsk das Zentrum des um die Person Brežnevs aufgebauten Kriegerkultes und so in der Öffentlichkeit omnipräsent: Der Generalsekretär hatte selbst in Novorossijsk gekämpft, wodurch eine für den Kriegsausgang nicht entscheidende Schlacht diskursiv zum Wendepunkt des Krieges hochstilisiert wurde. Als Vergleichsmassstab und Kontrastfolie dient dabei immer Moskau: Die Hauptstadt war das politische und symbolische Zentrum der UdSSR und des Kriegsgedenkens. Deshalb werden auch die politischen, wirtschaftlichen und symbolischen Verbindungen zwischen Hauptstadt und provinziellen Heldenstädten betrachtet.

Übergreifend werden Orte, Medien und soziale Praktiken des Gedenkens sowie dessen Rezeption analysiert und Akteure identifiziert, die an der nationalen und lokalen Ausgestaltung des kulturellen Gedächtnisses beteiligt waren. Dabei arbeite ich mit Archivmaterialien sowie Schulbüchern, Zeitungsberichten und populärhistorischen Bänden aus der Brežnev-Ära einerseits und Zeitzeugeninterviews andererseits. Zur Anwendung kommen diskursanalytische Methoden, ergänzt durch lebensweltliche Ansätze, dichte Beschreibung, Gedächtnis- und Raumtheorien.