"Man muss den Flüchtlingen menschlich nahe kommen." Eine Mikrostudie zur jüdischen Flüchtlingshilfe in der Schweiz anhand der Lebensgeschichte von Otto H. Heim (1896-1978)

Barbara Häne

Erstbetreuer: Prof. Dr. Erik Petry

Dieses Forschungsprojekt soll Vorgänge und Dynamiken innerhalb des schweizerisch-jüdischen Flüchtlingswesens am Beispiel einer Einzelperson (Otto H. Heim, 1896-1978) im Zeitraum 1933-1960 beleuchten. Otto H. Heim war jüdischer Schweizer Staatsbürger und ab den 1930er Jahren in der Flüchtlingshilfe stark engagiert, zuerst als Präsident der Flüchtlingshilfe Zürich, anschliessend in den 1940er Jahren im Verband Schweizerisch Jüdischer Flüchtlingshilfe/Fürsorgen (VSJF) (vorgängig VSIA, Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflege), den er ab 1945 präsidierte. Er war ein offizieller Vertreter des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und wurde 1944 in den Ausschuss IV der Sachverständigen-Kommission für Flüchtlingsfragen des Schweizerischen Bundesrates berufen. Darüber hinaus setzte er sich auch privat für Flüchtlinge ein. Primär soll die Hilfe Otto H. Heims für Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Machtbereich im Zentrum dieses Forschungsprojekts stehen. Gestützt auf das Übersichtswerk von Stefan Mächler über den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund erschienen seit 2005 einige Biographien über wichtige Repräsentanten des SIG während des Zweiten Weltkriegs (z.B. über Saly Mayer und Georges Brunschvig). Ziel dieses Forschungsbeitrages ist es, die schweizerisch-jüdische Flüchtlingshilfe als weiteren Teilaspekt derselben Zeitperiode zu untersuchen. 

Die Tätigkeiten von Otto H. Heim dienen als Ausgangspunkt der Recherchen. Basierend auf einem mikrogeschichtlichen Ansatz (nach Ginzburg), soll das schweizerisch-jüdische Flüchtlingswesen in einen grösseren historischen Kontext gestellt werden.  Erforscht werden sollen einerseits Kausalzusammenhänge zwischen der schweizerischen (Flüchtlings-)politik und der Haltung von Vertretern des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds in Flüchtlingsfragen und andererseits der Umgang mit den offiziellen Vorgaben im alltäglichen Umgang mit Flüchtlingen im Kontext der schweizerisch-jüdischen Flüchtlingshilfe. Dabei steht das Spannungsfeld zwischen der offiziellen Politik des SIG, die sich an der restriktiven schweizerischen Gesetzgebung orientierte, und dem Engagement von SIG Delegierten und Privatpersonen in der Flüchtlingshilfe im Zentrum. Diese Aktivitäten beinhalteten sowohl die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen (American Jewish Joint Distribution Commitee, Hias-Ica-Emigdirect u.a.) als auch nach zeitgenössischen Gesetzen illegale Tätigkeiten, beispielsweise die Zusammenarbeit mit (jüdischen) Widerstandsbewegungen im Ausland. Anhand der Person von Otto H. Heim soll gezeigt werden, welche widersprüchlichen Prozesse den Alltag jüdischer Repräsentanten in der Schweiz, die sich in der Flüchtlingshilfe engagierten, während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit bestimmten. Das Dilemma zwischen moralischer Verantwortung und finanziellen Engpässen steht dabei im Zentrum der Betrachtung.

Dieses Forschungsprojekt soll neue Erkenntnisse darüber liefern, wie sich das schweizerisch-jüdische Flüchtlingswesen zwischen 1933 und 1960 professionalisiert hat (Stichworte: Ehrenamtliche Mitarbeitende, interpersonelle Vernetzungen zwischen der Lokalen Flüchtlingshilfe Zürich und dem VSIA/VSJF in den 30er und 40er Jahren, Reglementierung des VSJF ab 1944, Reorganisation 1953). Als Quellen dienen vor allem die Archive des SIG, der ICZ (Israelitische Cultusgemeinde Zürich) und des VSJF sowie der Nachlass von Otto und Régine Heim im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich. Thematisiert wird die Korrespondenz zwischen Otto H. Heim und verschiedenen Personen innerhalb des SIG bzw. mit Personen im In- und Ausland, die in die Flüchtlingshilfe involviert waren. Diese Briefwechsel gehören mehrheitlich zum Bestand des SIG im Archiv für Zeitgeschichte. Ebenfalls untersucht werden soll die Korrespondenz zwischen Otto H. Heim und den Schweizerischen Behörden, die vor allen in Beständen des Schweizerischen Bundesarchivs in Bern zu finden ist. Dazu sollen mündlich erzählte Erinnerungen von Personen, die mit Otto H. Heim in Kontakt standen, Eingang in das Forschungsprojekt finden (Oral History Projekte).