Geschichte der Körperbehindertenfürsorge für Kinder und Jugendliche in der Schweiz zwischen 1960 und 2010

Viviane Blatter

Erstgutachter: Prof. Dr. Martin Lengwiler

Zweitgutachter: Prof. Dr. Carlo Wolfisberg

 

Die Dissertation erfolgt im Rahmen meiner Stelle als wissenschaftliche Assistentin am Projekt «Zwischen Anerkennung und Missachtung: Rekonstruktion von Zwang, Fremdbestimmung und Partizipation im Kontext der Körperbehindertenfürsorge zwischen 1950 und 2010 – eine partizipative Untersuchung mit Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung» (nachfolgend erd-zam). Das Projekt erd-zam ist interdisziplinär konzipiert, mit Fragestellungen und Methoden der Heilpädagogik sowie der Geschichte. Es ist Teil des Nationalen Forschungsprogrammes 76 «Fürsorge und Zwang». Die Dissertation wird sich im historischen Teil des Themenfeldes abspielen und deswegen auch unter der Betreuung von Prof. Dr. Martin Lengwiler (Uni Basel) stehen. Trotzdem soll das Wissen, das unter Einbezug von historischen wie auch heilpädagogisch informierten Methodologien im Rahmen des Projekts generiert wird für die Dissertation zentral sein.

In Anlehnung an die partizipative Methodik des Forschungsprojekts soll auch die Dissertation stark auf die Erfahrungen von Betroffenen ausgerichtet sein. Auf Grund dessen wurde die Fragestellung erst nach der Durchführung (aber vor der detaillierten Analyse) der Interviews ausgearbeitet, und orientiert sich in ihrem Fokus an Themen, die von den Betroffenen wiederholt erwähnt wurden. Dazu gehören unter anderem, aber nicht abschliessend, die schulische Infrastruktur, der Unterrichtsstoff, der Kontakt zu der Familie (reguliert durch die Schule/das Heim, die Invalidenversicherung und die Eltern selbst), die Invalidenversicherung (Berufsberatung, Hilfsmittel, Transportdienste), medizinische Behandlungen, die Haltung des Umfeldes gegenüber ihnen als Menschen mit einer körperlichen Behinderung und ihre Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Daraus hat sich die folgende Fragestellung ergeben: 

Wie veränderten sich pädagogische, sozialstaatliche und gesellschaftliche Voraussetzungen für Kinder und Jugendliche die in Schulen für Menschen mit einer Körperbehinderung geschult, sozialisiert und rehabilitiert wurden zwischen 1960 und 2010 und (wie) reflektieren sich diese Entwicklungen in erzählten Erfahrungen und subjektiven Deutungen von Betroffenen?

Der Quellenkorpus der schriftlichen Quellen zur Beantwortung dieser Frage ist umfangreich und divers. Auf Grund der Projektplanung des Projekts erd-zam wurden bis Ende November 2019 26 narrative Interviews mit einer halbstrukturierten Nachfragephase mit Betroffenen in der ganzen Deutschschweiz durchgeführt und transkribiert, weswegen der Korpus der narrativen Quellen bereits vorliegt. Die Interviews dauerten durchschnittlich zirka eine Stunde und fünfzehn Minuten.

In Abgrenzung von erd-zam geht das Dissertationsprojekt aus dem Schulkontext heraus und nimmt die Institutionen ausserhalb des (scheinbar) abgeschlossenen Systems der (Heim-) Schulen wie die Sozialpolitik, speziell die Invalidenversicherung und gesellschaftliche Haltungen gegenüber Menschen mit Behinderung in den Blick.

In der Dissertation soll trotz der unterschiedlichen Quellen keine Spaltung in einen diskursanalytischen Teil, bei welchem die schriftlichen Quellen oder sogar nur die Fachdiskurse behandelt werden und einen zweiten Teil, in dem die Interviews durch die Linse der herausgearbeiteten Diskurse betrachtet werden, stattfinden.  Im Geiste des Projekts, welches die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum stellt, sollen diese auch immer als Akteure und Akteurinnen gesehen werden. Dazu soll neben der Perspektive der betroffenen Kindern und Jugendlichen auch die Sicht von anderen Betroffenen auf Praktiken der Körperbehindertenpädagogik in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Zu diesem Zweck werden neben der Berichte von Zeitzeugen und -zeuginnen auch zeitgenössische Schriften aus der Feder von Betroffenen, zum Beispiel die Zeitschrift Puls, in die Arbeit einbezogen werden.