Die Stadt Luzern und "das Grüne": Eine Geschichte urbaner Natur im 19. und 20. Jahrhundert

Linus Rügge

Erstbetreuerin: Prof. Dr. Caroline Arni

Zweitbetreuerin: Prof. Dr. Dorothee Brantz

«150 Jahre grün» – unter diesem Titel feierte die Stadtgärtnerei Basel 2012 ihr Jubiläum. Tatsächlich haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Städte in der Schweiz Stadtgärtnereien eingerichtet. Ist damit aber das Grüne in die Städte eingezogen, wie das die Basler Jubiläumspublikation nahelegt? Gab es nicht immer schon Dorflinden, Äcker, Riede, Obstwiesen im Siedlungsraum? Dass Städte (grau) und Natur (grün) als Gegensätze verstanden werden, die es wieder zu vereinen gilt, muss eine Geschichte haben. Um diese Geschichte soll es in meinem Dissertationsprojekt gehen. 

 

Aufbauend auf Debatten, die die Trennung von Natur und Kultur in Frage gestellt haben, schlägt der Geograph Matthew Gandy eine neue Konzeptualisierung des Gegenstandes «urbane Natur» vor: Von Interesse sollen nicht nur gebaute Infrastrukturen oder Parks sein, sondern auch zufällig entstandene Konstellationen oder Dinge wie Brachen oder aus menschlicher Perspektive unwillkommene Akteure wie Mückenschwärme oder Unkräuter. Die Untersuchung kultureller, ästhetischer und politischer Dimensionen urbaner Raumgestaltung soll mit der Frage nach der Handlungsmacht nichtmenschlicher Lebewesen und Materialien verbunden werden.

 

Gandys Auseinandersetzung mit der Frage, was Natur im urbanen Kontext überhaupt ist, bedeutet zum einen eine thematische Erweiterung der Umweltgeschichte. Wird der Fokus nicht mehr auf klassische Gegenstände urbaner Umweltgeschichte wie Gärten und Parks gerichtet, so geraten in den Untersuchungsgegenstand eingeschriebene Asymmetrien – z.B. zwischen den Nutzer*innen von Schreber- und Botanischen Gärten, aber auch zwischen Menschen und Nichtmenschen – in den Blick. Zum andern kappt der Fokus auf eine breit verstandene Urban Nature die Verbindung zur räumlich-materiellen Dimension der Stadt als Ort nicht. Indem verschiedene urbane Naturen betrachtet werden, rückt gerade die Stadt als verbindende Trägerin in den Vordergrund. Dies lässt sich mit neueren Ansätzen in der Stadtsoziologie verbinden, die in jüngerer Zeit dazu übergegangen ist, Raum nicht als Container, sondern relational zu verstehen: Orte, Dinge, Menschen, Tiere usw. gehen vielfältige Beziehungen ein. Urbanität zeichnet sich dabei durch eine hohe Beziehungsdichte aus, welche produktiv sein kann, aber auch zu Nutzungskonflikten führen kann. Für die historische Untersuchung erinnert dieser stadttheoretische Ansatz daran, dass die Öffentlichkeit, mit der Urbanität einhergeht, stets umkämpft ist.

 

In Orientierung daran interessiert mich, wie «Natur» im Konflikt um Nutzungen auf verschiedene Art und von verschiedenen Akteuren zum Einsatz gebracht wird, während sie zugleich selbst als Akteurin in diesen Verhandlungen auftritt. Konzeptuell zielt mein Vorhaben deshalb auf eine symmetrische Konfliktgeschichte städtischer Natur, das heisst: eine Geschichte der Verhandlungen um Natur, die aus ungleichen Positionen gemacht werden und mit der Natur selbst zu rechnen haben.

Episoden, in denen urbane Natur verhandelt wird, möchte ich gerne für die Stadt Luzern im Zeitraum von ca. 1850 bis 1950 erforschen. Eine Reihe von spezifischen Aspekten machen Luzern zu einem besonders interessanten Untersuchungsort: Mit dem aufkommenden Tourismus, der spezifische ästhetische Anforderungen an das Stadtbild und seine Urban Nature stellte, mit dem starken Wachstum der Stadt, das neue Tatsachen schuf und Aushandlungen bedingte sowie mit der Trockenlegung der Riedgebiete entlang des Vierwaldstättersees zur Landgewinnung ergab sich in Luzern eine spezifische Konstellation, die bisher praktisch unerforscht ist. Schliesslich entspricht die Untersuchung einer Kleinstadt einem Desiderat im Forschungsfeld der Urban Nature, standen doch bisher praktisch nur Grossstädte wie New York, London oder Berlin im Fokus; auch eine zeitliche Erweiterung in das 20. Jahrhundert ist angesichts des bisherigen Schwerpunkts auf das 19. Jahrhundert wünschenswert.