Geschichten individueller Differenz. Entwicklungspsychologische Longitudinalstudien, 1920-1980

Yves Hänggi

Erstgutachterin: Caroline Arni

 

Ab den 1920er Jahren wurden zunächst in den USA und später in Europa zahlreiche entwicklungspsychologische Longitudinalstudien initiiert. Von den Kinderbeobachtungen des 19. Jahrhunderts unterschied diese Studien, dass sie mit grossen Samples arbeiteten und dieselben Individuen über einen längeren Zeitraum wiederholt massen, testeten und beobachteten. Ziel war es, ein möglichst umfassendes Bild menschlicher Entwicklung zu gewinnen. Die bisher kaum erforschte Geschichte dieser Longitudinalstudien ist Gegenstand des Forschungsvorhabens. Damit gerät ein Schauplatz der Forschung am Kind in den Blick, der für die Geschichte des Entwicklungskonzepts im 20. Jahrhundert von systematischer Bedeutung ist. In den Longitudinalstudien nämlich trafen Konzeptualisierungen von Entwicklung aufeinander, die sich im 19. Jahrhundert getrennt voneinander herausgebildet hatten: War aus den Theoretisierungsanstrengungen der Kinderpsychologie eine Vorstellung von Entwicklung als einem geordneten, zielgerichteten Prozess hervorgegangen, so hatte die biomedizinische Beschäftigung mit angeborenen Anomalien und Krankheiten Entwicklung als ein einflussoffenes, kontingentes Geschehen verfasst. Theoretisch und methodologisch an der Historischen Epistemologie orientiert, untersucht das Projekt anhand zweier Fallstudien, wie die Longitudinalstudien diese beiden Aspekte von Entwicklung zur Idee eines ‚individuellen Entwicklungsverlaufs’ verbanden, den sie anhand von Samples und zeitversetzten Messungen in Erscheinung treten lassen konnten. Damit lag ein Erklärungsmuster für individuelle Differenz vor, das grundlegend entwicklungslogisch verfasst war. Wie das Pathologische wurde nun auch das Normale in Begriffen einer historischen Genese gedacht. Eine Untersuchung der Praktiken, die den ‚individuellen Entwicklungsverlauf’ hervorbrachten, vermag neues Licht auf die Geschichte der Entwicklungspsychologie zu werfen. Markierte die Historiographie bisher eine durch Etablierung des Fachs gegebene Zäsur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so plädiert das Projekt dafür, Veränderungen des Entwicklungskonzepts über diesen Moment hinaus in den Blick zu nehmen und damit auch die Geschichte der Entwicklungspsychologie auf die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu erweitern.