Der katholische Blick. Der Klerus und das Kriegsende in Südwestdeutschland 1944-1948

Johannes Kuber

Promotionsprojekt bei Prof. Christian Kuchler, RWTH Aachen

 

Die Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus ist ausführlich erforscht – doch wie positionierten sich ihre lokalen Vertreter bei Kriegsende? Wie beurteilten und beeinflussten sie das Geschehen in der frühen Nachkriegszeit?

Durch die Fokussierung auf den katholischen Klerus und das Kriegsende will das Promotionsprojekt zweierlei erreichen: Über den Blick auf eine zeitlich stark eingegrenzte, aber ereignisreiche Ausnahmesituation verspricht sie neue Erkenntnisse über die bislang kaum untersuchte Funktionselite des katholischen Klerus; durch die detaillierte Auswertung zahlreicher Quellen ebendieser Gruppe ermöglicht sie andererseits neue Perspektiven auf das Kriegsende und die frühe Nachkriegszeit, die an chronischer Quellenarmut leiden.

 

 

Während die Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus bereits breit und noch immer kontrovers  untersucht wurde und wird, existiert für das Kriegsende und die frühe Nachkriegs- und Besatzungszeit kaum vergleichbare Forschung. Wenn überhaupt, so wird in den einschlägigen Werken in meist nur wenigen Sätzen das gängige – und größtenteils durchaus zutreffende – Narrativ bemüht, die katholische Kirche hätte (neben Teilen der evangelischen Kirche) das „Dritte Reich“ als einzige Institution relativ intakt überstanden, sei deshalb (und aufgrund ihres Rufes, sich den Nazis mutig entgegengestellt zu haben) von den Alliierten als wichtige Partnerin für die Demokratisierung und den Wiederaufbau eines geordneten gesellschaftlichen Lebens betrachtet worden und hätte folglich schnell teilweise quasistaatliche Funktionen übernommen. Diese Erzählung scheint jedoch bereits so zum Allgemeinplatz geworden zu sein, dass sie in den seltensten Fällen tatsächlich belegt wird; falls doch, wird fast ausschließlich die Rolle der Bischöfe untersucht – von der dann häufig automatisch auf „die“ katholische Kirche in ihrer Gesamtheit geschlossen wird. Durch diese Fokussierung auf die bischöfliche Ebene beraubt sich die Forschung einer vielversprechenden Perspektive: Gerade die Geistlichen vor Ort, besonders auf dem Land und in konfessionell geschlossenen Gebieten mit katholischem Milieu, waren 1945 häufig noch einflussreiche gesellschaftliche Autoritäten und zum Teil viel unmittelbarer mit den alltäglichen Auswirkungen des Kriegs und der Besetzung konfrontiert.

Das Dissertationsprojekt „Der katholische Blick“ nimmt diese Forschungslücke zum Ausgangspunkt und versucht durch eine Analyse der Denk- und Handlungsmuster der katholischen Geistlichen aus dem Erzbistum Freiburg im Breisgau zu ergründen, welche Rolle diese lokale Funktionselite in Deutschland in den letzten Kriegsmonaten, bei Kriegsende und in der frühen Nachkriegszeit spielte. So wird etwa gefragt, wie sich Krieg, Kriegsende und die praktischen Probleme der frühen Besatzungszeit auf die religiöse Praxis auswirkten, welche Einschränkungen und Kontinuitäten im kirchlichen Leben an der „Heimatfront“ und nach der Besetzung auszumachen sind und welche Bedeutung Kirche und Pfarrhaus als emotionale und reale Zufluchtsorte für die gläubige Bevölkerung hatten. Von besonderem Interesse ist die Interaktion zwischen Klerus und Alliierten im Spannungsfeld von Koexistenz, Kooperation, Mediation und Konflikt. So übernahm die katholische Geistlichkeit rasch die Rolle eines respektierten Fürsprechers der deutschen Bevölkerung gegenüber den Besatzungsmächten, etwa wenn es um die „Entnazifizierung“, Kriegsgefangene und Internierte oder sexualisierte Gewalt durch alliierte Soldaten ging. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekt liegt auf der Frage nach dem außerkirchlichen, besonders nach dem politischen, Engagement der katholischen Pfarrer ab 1945: Inwieweit knüpften sie an frühere (inhaltliche und funktionelle) Positionen an? Welchen Einfluss übten sie über ihre Positionen in den lokalen Machtstrukturen auf die Bevölkerung und das neu entstehende politische Leben aus?

Die einzelnen Themen bieten dabei Anknüpfungspunkte an diverse Diskurse der historischen Forschung. Die priesterlichen Äußerungen zu Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Besetzer ermöglichen zum Beispiel nicht nur einen Blick auf die Haltung der Pfarrer zu sexualisierter Gewalt, sondern damit verknüpft auch auf ihr Konzept von „Sittlichkeit“, ihr Verhalten gegenüber dem Fremden (v.a. gegenüber ortsfremden Frauen) und auf tiefsitzende Vorstellungen von „Rasse“ und Geschlecht und lassen so Othering-Strategien der katholischen Geistlichen gegenüber fremden Elementen sichtbar werden, die in ihrer Lesart – ob als moralisch fragwürdige evakuierte Frauen aus der Großstadt oder als bestialische französische Kolonialsoldaten – in die relativ heil gebliebenen Dorfgemeinschaften an der „Heimatfront“ eindrangen und den durch die Säkularisierung eingeleiteten und im Nationalsozialismus endgültig entfesselten sittlichen Niedergang weiterführten.

Auch auf anderen Feldern sind die vorherrschenden Mentalitäten der katholischen Geistlichkeit, auch zur Kontextualisierung und Erklärung ihres Handelns, von Interesse. Welche Schlüsse erlauben die Zeugnisse der Priester und ihr darin beschriebenes Tun über individuelle und kollektive Weltbilder, über Selbstverständnis und -positionierung des Klerus, auch in Vergleich und Abgrenzung zu anderen Bevölkerungsgruppen und zum „Fremden“? Welche Deutungsmuster zu Nationalsozialismus, Krieg und Besetzung sind vorherrschend, und wie werden die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nach dem „Zusammenbruch“ eingeschätzt? Schließlich muss auch gefragt werden, welche Themen im klerikalen Diskurs „unsagbar“ blieben – worüber die Pfarrer schwiegen und wieso.

Beantwortet werden diese Fragen unter Heranziehung verschiedener Quellenbestände vornehmlich klerikaler Provenienz aus dem Erzbistum Freiburg, darunter die „Kriegs- und Einmarschberichte“ der Diözesangeistlichen sowie zahlreiche weitere Bestände aus exemplarisch ausgewählten Orten. Die zweitgrößte Diözese Deutschlands lag zu etwa zwei Dritteln in der französischen, im Norden jedoch auch in der amerikanischen Besatzungszone und erlaubt somit auch einen kontrastierenden Blick auf Wahrnehmungen und Praktiken. Insgesamt soll so schlussendlich ein Panorama entstehen, das Mentalitäten, Handlungsdispositionen und Handeln dieser einflussreichen und weltanschaulich verbundenen Berufsgruppe analysiert und damit vielleicht auch allgemeineren Aufschluss über die deutsche Gesellschaft in der Umbruchszeit um 1945 erlaubt.

Zur besseren Veranschaulichung werden an einem exemplarisch ausgewählten Ort gesellschaftliche Rolle und gesellschaftspolitische Überlegungen des katholischen Klerus anhand zusätzlicher Quellen (aus den kommunalen und evtl. alliierten Archiven) vertieft analysiert und mit der Stellung der protestantischen Geistlichen verglichen (anhand Quellen evangelischer Provenienz). Dabei werden die im Lauf der Arbeit herausgearbeiteten allgemeinen Trends nochmals an einem Einzelfall konkretisiert bzw. ggf. mit der teilweise abweichenden Realität vor Ort kontrastiert.

Im Gegensatz zu bisherigen Untersuchungen liegt der zeitliche Fokus dieser Arbeit weder auf dem Nationalsozialismus noch auf der weiter gefassten Nachkriegszeit und der frühen Bundesrepublik, sondern mit den Jahren 1945/46 auf der relativ kurzen, aber umso ereignisreicheren und weichenstellenden Scharnierzeit von Kriegsende und frühem Nachkrieg. Zur Kontextualisierung erfolgt anhand ausgewählter Quellen aber auch ein Vorgriff auf die letzten Kriegsmonate seit Herbst 1944 sowie ein Ausblick auf die Jahre 1947/48.