Immortalising Russia in an Age of Revolution? - Sergej Prokudin-Gorskijs Farbfotografien vom Zarenreich bis zur Pariser Emigration (ca. 1906-1948)

Henning Lautenschläger

S.M. Prokudin-Gorskij: Frauenkloster bei Volgoverchov'e. Um 1910. Quelle:Library of Congress.

Seit 9/2016 gefördert durch ein Stipendium der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius (als Claussen-Simon-Fellow).

Unter dem Eindruck der Revolution von 1905, welche die tiefen sozialen, ökonomischen und ethnischen Spannungen innerhalb des Russländischen Imperiums offen zutage treten liess, entwickelte der russische Adlige und Fotograf Sergej Michajlovič Prokudin-Gorskij (1863-1944) einen Plan für eine Sammlung von Farbfotografien, die er für patriotische Heimatstudien verwenden wollte. Er war überzeugt davon, dass die Zurschaustellung wichtiger Sehenswürdigkeiten des Reiches mithilfe des neuen Mediums der Farbfotografie einen imperialen Patriotismus in den Herzen der Bevölkerung entfachen würde.

Obwohl von hohen Regierungsbeamten gefördert, kam das Projekt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Erliegen. Das anschliessende Ende des Zarenreiches 1917 bedeutete jedoch nicht das Ende der Idee Prokudin-Gorskijs: Die Bolschewiki erkannten sofort den propagandistischen Wert der Bilder und führten sie als farbige Projektionen vor Matrosen und Soldaten zu Bildungs- und Unterhaltungszwecken vor. Die Ermordung der Zarenfamilie im Sommer 1918 machte dem Fotografen jedoch deutlich, dass er in der jungen Sowjetunion auf Dauer keine Zukunft haben würde. Er floh mitsamt seinen Fotos über Skandinavien und England nach Frankreich: In der grossen russischen Exilgemeinschaft führte er die Sammlung einige letzte Male vor und schuf das Bild einer verlorenen Heimat, hinweggespült von den zerstörerischen Wogen der Revolution.

Basierend auf Ansätzen der Neuen Imperiengeschichte und der visual history zielt das Projekt darauf ab, die Entstehung und Verwendung von Prokudin-Gorskijs Fotografien zur Legitimierung verschiedener Ideologien in zentralen Epochen der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erforschen. Zum einen untersucht es, wie verschiedene Protagonisten die Bilder für ihre Zwecke nutzten, um damit kollektive Identitätsangebote, mentale Karten und spezifische Erinnerungsorte zu schaffen. Zum anderen möchte die Dissertation jedoch auch herausarbeiten, wie jenseits dieser gezielten Einflussnahme die konkrete Materialität und Präsentation der Fotografien mit ihren spezifischen kulturellen Praktiken und Codierungen gleichsam Einfluss auf die Vorstellungen von Russland in den drei spezifischen Kontexten des Imperiums, der Sowjetunion und des Exils nahmen.