Zwischen Expertenwissen und Protest - Umweltdiskurse am Beispiel von Luftverschmutzung in der Tschechoslowakei (1960er – 1980er Jahre)

Alexandra Wedl

In meinem Forschungsvorhaben untersuche ich den Umgang von Gesellschaften im späten Staatssozialismus mit der wachsenden Umweltzerstörung und das Aushandeln von Antworten auf diese Herausforderungen. Die Tschechoslowakei zählte bis in die 1980er Jahre zu den Ländern mit der stärksten Umweltbelastung in Europa. Vor allem Luftverschmutzung als Folge der Kohleenergienutzung stellte ein Risiko für Gesundheit und Umwelt dar. Trotz der restriktiven Informationspolitik des kommunistischen Regimes kam das Thema ab den späten 1970er Jahren vermehrt in den öffentlichen Fokus. Expertendiskurse vermischten sich mit der Bürgerrechtsbewegung und resultierten im Vorfeld der "Samtenen Revolution" in Prag, Bratislava und Nordböhmen in Umweltprotesten unter der Forderung "Wir wollen saubere Luft atmen". Mit Blick auf Forschungseinrichtungen und ExpertInnen, Presse und Fachzeitschriften, Plakate und Filmdokumentationen, Untergrundpublikationen und DissidentInnen geht das Vorhaben der Frage nach, auf welche Weise fachliches und populäres Wissen über die Risiken von Luftverschmutzung produziert, vermittelt und verbreitet wurde. Im Mittelpunkt stehen ferner transnationale Interaktionen und Resonanzen im Kontext internationaler Ereignisse, wie etwa der UN-Umweltschutzkonferenz in Stockholm 1972.

Das Projekt leistet einen Beitrag zur noch jungen Umweltzeitgeschichte der Länder Ostmitteleuropas. Für westliche, liberale Staaten wird für die späten 1960er Jahre eine "ökologische Wende" attestiert. Darüber, wie Umweltwissen unter den Vorzeichen staatssozialistischer Systeme in die Öffentlichkeit gelangte, welche Akteure und Mechanismen für dessen Verbreitung zentral waren, wissen wir jedoch noch wenig.