Staat und Versicherungsindustrie in der Formationsphase des französischen Wohlfahrtsstaats (1900-1950)

Beat Stüdli

Frankreich wandelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einem wirtschaftsliberalen zu einem interventionistischen Staat. Eine Ursache dieser Entwicklung war der sich ausbreitende Wohlfahrtsstaat. Der zunehmende Interventionismus lässt sich besonders gut am Verhältnis von Staat und Versicherungsindustrie untersuchen. Der Staat erkannte die Versicherungen als Einrichtung von öffentlichem Interesse und intervenierte in den Versicherungsmarkt über Gesetzgebung, Versicherungsaufsicht, staatliche Sozialversicherungen und eigentliche Verstaatlichungen. Umgekehrt sah die Versicherungsindustrie, die auf diesem Feld schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert präsent war, die staatlichen Interventionen oft als Konkurrenz und wehrte sich gegen die Einschränkung ihrer kommerziellen Aktivitäten.

Das vorliegende Promotionsprojekt untersucht die Beziehung von Staat und Versicherungsindustrie in der Formationsphase des französischen Wohlfahrtsstaats von 1900 bis 1950. Über die Analyse von Quellenbeständen zu privaten oder staatlichen Akteuren und Institutionen sollen einerseits die Interaktionen, andererseits die institutionellen Formen und die damit verbundenen normativen Vorstellungen rekonstruiert und im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext gedeutet werden. Das Projekt verortet sich auf dem Feld der neueren historischen Wohlfahrtsstaatsforschung, bei der die staatliche Perspektive hinterfragt und durch die Betrachtung von privaten Akteuren und Einrichtungen – im vorliegenden Fall die Versicherungsindustrie – erweitert wird.

Die angesprochenen Probleme zum Verhältnis von öffentlicher und privater Hand im Bereich der Versicherungen gehen über den historischen, geographischen und thematischen Rahmen der Arbeit hinaus. Sie verweisen auf die auch heute aktuelle Frage, wie Staat und Wirtschaft zueinander stehen. Sie wird etwa im Zusammenhang mit der ab 2007 erfolgten Finanz- und Wirtschaftskrise diskutiert. In diesem Bereich wird auf verschiedenen Ebenen über eine Verschärfung der staatlichen Finanzmarktaufsicht und generell über verstärkte Regulierungs- und Interventionsmöglichkeiten beraten. Vergleichbare Debatten – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen – betreffen die Ökonomisierung der sozialen Sicherungssysteme. Auch hier lässt sich seit den 1980er Jahren ein Trend hin zu gemischtwirtschaftlichen Systemen feststellen.

Als Erstes soll gefragt werden, welche Akteure an der Gestaltung der Beziehung von Staat und Versicherungsindustrie beteiligt waren und wie sich die Akteure selbst sowie ihre Stellung zueinander veränderten. Dabei werden Akteure in der Verwaltung, der Gesetzgebung  und der Versicherungsindustrie unterschieden. Zu untersuchen ist, wie die privaten und staatlichen Akteure zueinander standen und welche Interessen und Strategien verfolgt wurden.

Zweitens sind die institutionellen Rahmenbedingungen zu untersuchen. Welchen Einfluss hatte die Sozialstaatsgesetzgebung auf die Versicherungsindustrie? Welchen Einfluss die Versicherungsaufsicht, die Versicherungsgesetzgebung und die Verstaatlichungen? Welche Vorstellungen standen hinter der wohlfahrtsstaatlichen Intervention in den Versicherungsmarkt und wie veränderten sie sich?

Drittens soll nach dem breiteren historischen Kontext gefragt werden. Welche Rolle spielten die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, die beiden Weltkriege oder die Befreiung Frankreichs um 1945 für das Verhältnis zwischen Staat und Versicherungswirtschaft? Wie wirkten sich die Polarisierung zwischen links und rechts in den 1930er Jahren, die Vichy-Regierung und das Besatzungsregime durch NS-Deutschland aus? Inwiefern beeinflussten Versicherungsbankrotte und Betrugsfälle die Wahrnehmung  der Versicherungsindustrie und ihre Beziehungen zum Staat?