Repräsentation von Krieg in der Kriegsfotografie: Untersuchung der fotografischen Berichterstattung über den Bosnienkrieg 1992-1995 in deutschen, österreichischen und schweizerischen Printmedien

Nadine Freiermuth Samardžić

Erstbetreuer: Frithjof Benjamin Schenk. Zweitbetreuer: Hannes Grandits. Externe Expertin: Martina Baleva

Der Jugoslawienkrieg, der 1992 Bosnien-Hercegowina erfasste und mit der knapp vierjährigen Belagerung Sarajevos die Welt in seinen Bann zog, wurde insbesondere über fotografische Bilder in die weltweite Öffentlichkeit getragen. Mit ihrem emotionalisierenden Potenzial rüttelten diese Kriegsfotografien auf, schockierten, kommentierten, klagten an. Sie folgten dabei klassischen Mustern der Kriegsberichterstattung und entwarfen gleichzeitig eine spezifische visuelle Kennung des Konflikts.
Das Forschungsprojekt befasst sich mit der visuellen Repräsentation des Bosnienkriegs in deutschen, österreichischen und schweizerischen Printmedien in den Jahren 1992-1995. Auf der Basis einer vergleichenden Analyse von Pressefotografien wird nach der visuellen Signatur dieses Krieges im späten 20. Jahrhundert, nach Traditionen westlicher Balkanbilder und nach Spezifika der medialen Vermittlung des Konflikts in den drei Untersuchungsländern gefragt. Kriegsfotografie wird dabei als Bestandteil gesellschaftlicher Diskurse über den Krieg begriffen: Sie ist von Vorstellungen geprägt und wirkt selber auf solche zurück. Wie beeinflussten Berichte über den „Balkankrieg“ die fotografische Darstellung des Konflikts? Welche Akteure wirkten an der Entstehung der visuellen Repräsentation des Bosnienkriegs mit? Wie beeinflusste die Kriegsfotografie die gesellschaftlichen und politischen Debatten über die Verantwortung der europäischen Staatengemeinschaft auf dem Balkan?
Die Untersuchung erfolgt in drei Schritten: Erstens wird die Bildsprache der Fotografien einer historischen und ikonologischen Analyse unterzogen und ihr Entstehungs- und Verbreitungsprozess rekonstruiert. Zweitens wird der Blick auf die Geschichte westlicher Sehgewohnheiten des „Balkans“ gerichtet und die Darstellung des Bosnienkriegs der 1990er Jahre neben Elemente der westlichen Balkan-Ikonografie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gelegt. Auf einer dritten Ebene werden die Presseberichterstattung über den Bosnienkrieg und die visuelle Repräsentation des Konflikts in deutschen, österreichischen und schweizerischen Medien untereinander verglichen. Dabei wird nach Gemeinsamkeiten und Spezifika der Darstellung vor dem Hintergrund unterschiedlicher historischer Bezüge des jeweiligen Landes zur Kriegsregion gefragt.
Durch die Kombination historischer und bildwissenschaftlicher Analysemethoden verspricht das Forschungsvorhaben einen umfassenden Erkenntnisgewinn zur visuellen Darstellung militärischer Gewalt in der Gegenwart und zur Prägung kognitiver Karten Europas durch den fotografischen Blick des „Zentrums“ auf die „Peripherie“ des Kontinents. Überdies lassen sich in diesem Zusammenhang Differenzen der Wahrnehmung Südosteuropas innerhalb Westeuropas aufdecken und historisch kontextualisieren.