Homöostastisches Wissen im 20. Jahrhundert

Lea Bühlmann

Erstgutachterin: Caroline Arni - Zweitgutachter: Jakob Tanner

Ausgangspunkt meines Dissertationsprojektes ist die Homöostase, ein physiologisches Konzept, das der US-amerikanische Physiologe Walter Bradford Cannon Ende der 1920er-Jahre geprägt hat. Er versteht darunter die automatischen Regulationsmechanismen und -prozesse biologischer Organismen sowie den Zustand ihrer permanenten Erhaltung. Diese Regulierung ist bedingt durch Veränderungen in, Einflüsse von und Interaktionen mit der Umgebung von Organismen. Während die bisherige Forschung zur Homöostase ihre Leistung vor allem in der Erhaltung eines Gleichgewichts mittels Regulierung innerhalb von Organismen und/oder Systemen, sieht, interessiere ich mich in meinem Dissertationsprojekt aus wissenshistorischer Perspektive, wie das Verhältnis von Organismen (Menschen, Tiere, Zellen, etc.) und dem, was unter Begriffen wie Umgebung, Umwelt und/oder Milieu gefasst wird, dargestellt wird. Genauer geht es um die Frage, wie die Beziehung zwischen Organismen und Umgebung im physiologischen Diskurs und in der physiologischen Praxis in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts herstellt wird. Dazu fokussiere ich insbesondere die Arbeit(en) von vier Physiologen, die in diesem Zeitraum die Beziehung von Organismen und Umgebungen erforschen – und erarbeiten: Claude Bernard (1813-1878), Lawrence J. Henderson (1878-1942), John Scott Haldane (1860-1936) und Walter Bradford Cannon (1871-1945).

 

Theoretisch und methodisch orientiert sich mein Dissertationsvorhaben zum einen an der Diskursanalyse, wie sie Michel Foucaults formuliert hat, zum anderen ermöglicht die Historische Epistemologie, wie sie sich prominent bei Hans-Jörg Rheinberger findet, eine stärkere Berücksichtigung praxeologischer Aspekte. Der Unterscheidung in Diskurs und Praxis liegt die These zu Grunde, dass sich die epistemische (Diskurs) und empirische (Praktik) Ebene überlagern und/oder bedingen. So macht beispielsweise Claude Bernard zum einen das milieu intérieur zum Gegenstand der Physiologie, er stellt diskursiv eine Verbindung nicht nur der äusseren Umgebung des Organismus zum Organismus her, sondern »veräussert« auch das Innere des Organismus. Zum anderen begründet Bernard, in dem er den Tierversuch zur wissenschaftlichen Methode erhebt, die experimentelle Physiologie. Zusammengenommen heisst das: Beranrd öffnet den lebenden Organismus und gelangt damit zum milieu intérieur. Gleichzeitig versteht Bernard den Organismus immer schon als offen, das heisst in Beziehung stehend mit der äusseren bzw. der inneren Umgebung, was das Öffnen des Tieres erst zur zentralen Methode macht. Die Beziehung von Lebendigem und Umgebung, so die These, wird in der Physiologie diskursiv und empirisch vor- und gleichzeitig hergestellt und damit selbst zum epistemischen Ding.

Inhaltlich greifen meine Überlegungen aktuelle Arbeiten der Wissenschaftsgeschichte auf, die unter dem Label der ökologischen Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftsforschung subsumiert werden können und sich für die Bedeutung von »Umgebungswissen« in der und für die Geschichte des Wissens interessieren.