Wie der Krieg in das Museum kam. Die Gestaltung der Erinnerung in den sowjetischen Museen Moskau, Minsk und Tscheljabinsk

Anne Hasselmann

Sonderausstellung im Staatlichen Historischen Museum Moskau "Belarus lebt, Belarus kämpft, Belarus war und wird sowjetisch sein", eröffnet am 7. November 1942.

Seit 4/2015 gefördert durch den Schweizerischen Nationalfond (Doc.CH Stipendiatin)

Die sowjetischen Museen spielten vom Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges (1941-1945) an eine entscheidende Rolle bei der Dokumentation und der Vermittlung der gegenwärtigen Ereignisse. Die Muzejščiki erkannten die historische Bedeutung des Krieges: Sie fuhren im Rücken der Roten Armee an die Front, sammelten Ausstellungsobjekte und eröffneten bereits im Winterhalbjahr 1941/42 die ersten Ausstellungen über den „Grossen Vaterländischen Krieg“. Durch ihre Sammlungstätigkeit und ihre Ausstellungsarbeit traten die Kurator/innen als „Erinnerungsarbeiter“ auf – ihre in den Museumssälen dargestellten Deutungen der Gegenwart wurden jedoch von den Museumsbesucher/innen kritisch beurteilt. Die Besucherbucheinträge spiegeln ein Publikum, dass zum grossen Teil die ausgestellte Geschichte selbst erlebt hatte. Sie traten mit den Muzejščiki in den Dialog: Soldaten, Schulklassen, Arbeitsbrigaden korrigierten, ergänzten, lobten oder machten sich über den Ausstellungsinhalt lustig. So schufen sie ihr Recht auf Mitsprache an der musealen Kriegsdarstellung. Neben den Muzejščiki und den Museumsbesuchern treten die Rotarmisten als Akteure der musealen Erinnerung auf: Während des Krieges und in der Nachkriegszeit gründeten sie „Memorialmuseen“ und Denkmäler an den Orten ihrer Siege.

 Angesichts der unterschiedlichen Akteursgruppen und ihrer jeweiligen Handlungsspielräume stellt sich die Frage, wann es gelang, eine universale und für die ganze Sowjetunion gültige museale Meistererzählung vom „Grossen Vaterländischen Krieg“ zu gestalten. Ein Vergleich der Museumsarbeit an der Front (Moskau), in der besetzten Republik (Minsk) und im Hinterland (Tscheljabinsk) zeigt die Aushandlungsprozesse zwischen den zentralen und regionalen Kriegserinnerungen und ihrer Bedeutung für die gesamte Sowjetunion. Durch die Berücksichtigung der Nachkriegszeit bis zum Beginn der Tauwetterperiode unter Chruschtschow (1956) wird die zentrale Rolle deutlich, die die Museen in dem gesellschaftlichen Umgang mit der Kriegsvergangenheit gespielt haben. Eine Rolle, die von der Forschung über die sowjetische „Massenkultur“ bislang zu wenig berücksichtigt worden ist. Dabei wird neues Licht auf den Spätstalinismus und auf die vermeintliche „offizielle Erinnerungstilgung“ der Kriegserlebnisse der Menschen in der Sowjetunion geworfen.