Die Freigeistige Häresie - Realitäten und Konstrukte

Maria Tranter

Erstbetreuer: Claudius Sieber-Lehmann
Zweitbetreuer: Lucas Burkart

Im Verlauf des 14. Jhs. tauchte neben den grossen häretischen Sekten in Mitteleuropa auch eine Reihe kleinerer Bewegungen auf, zu denen die „Brüder des Freien Geistes“ gehören. Die religiösen Vorstellungen und die Organisationsformen dieser Bewegung sind trotz ihrer wiederkehrenden Präsenz in den Quellen schwer fassbar. Dies widerspiegelt sich in ihrer Behandlung durch die Geschichtswissenschaft: Im 19. Jh. wurde die häretische Bewegung als zu Unrecht vergessener Teil der Kirchengeschichte interpretiert; marxistische Deutungen sahen sie als Protestbewegung im Rahmen der frühbürgerlichen Revolution; in den Sechzigerjahren des 20. Jhs. galt sie als Entwurf einer alternativen Lebensform im Rahmen der spätmittelalterlichen Kirche und neuere Forschungen stellten die Existenz einer realen „Sekte des freien Geistes“ und sogar aller Ketzerbewegungen in Frage.

Am Beispiel dieser „Sekte“ soll nun aufgezeigt werden, wie stark die Fremdwahrnehmung einer als gefährlich eingestuften Bewegung von der Selbstwahrnehmung divergieren kann, wie sich in der Folge die Fremdbeschreibung im kollektiven Verständnis stärker verfestigt sowie das Ausmass in dem die Bilder bzw. die Vorstellungen, die über die Zeit von der Bewegung entstehen, vor allem auch durch die zeitgenössische Ideologie der Forschung geprägt werden. Das Ziel des Projekts besteht darin, ein Erklärungsmodell für die zeitgenössische wie auch die durch die Historiographie aufgenommene Konstruktion einer „Sekte des Freien Geistes“ zu liefern. Dabei wird die traditionelle Kirchengeschichte mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verknüpft, um das Spannungsverhältnis zwischen den Konzepten der Verfolger und der realen Bewegung in ihrem jeweiligen städtischen Kontext zu erfassen.