Selbstorganisation von Erwerbslosen in der Schweiz (1975-2010): Soziale Bewegung und individuelle Sicherungsnetzwerke

Anina Zahn

Erstbetreuer: Prof. Dr. Martin Lengwiler

Das Forschungsprojekt untersucht anhand der Entstehung und Entwicklung von Arbeitslosenkomitees Wechselwirkungen zwischen dem Sozialstaat und der Versichertengemeinschaft. Es analysiert damit die produktiven sozialen Effekte der Sozialstaatsentwicklung – eine innovative und noch kaum erforschte Dimension der neueren Sozialstaatsforschung. Durch eine profilierte Akteursperspektive erweitert das Projekt zudem die bislang vor allem institutionenzentrierte Forschung zur Geschichte des schweizerischen Sozialstaats. Neuere Forschungen zur Sozialstaatsgeschichte haben die Wichtigkeit von nicht-staatlichen Akteur_innen betont, indem die Rolle von etablierten Kollektivakteuren wie Unternehmen und der Arbeiter- oder Frauenbewegung für die Herausbildung des Sozialstaates untersucht wurden. Ziel des vorliegenden Forschungsprojektes ist jedoch, eine Gruppe, die erst durch den Sozialstaat entstanden ist, in die Sozialstaatsgeschichte einzubauen. Das Fallbeispiel der Arbeitslosenkomitees ist deshalb von Relevanz, weil die Wechselwirkungen und die ambivalente Beziehung zwischen staatlicher Politik und den organisierten Erwerbslosen, sowie Deutungen von Betroffenen der dynamischen Entwicklungen im Bereich der sozialen Sicherheit und Transformationen der Lohnarbeitsgesellschaft, sichtbar werden. Der akteurszentrierte Ansatz meines Forschungsprojektes erlaubt eine breitere Sicht auf Erwerbslosigkeit und bezieht auch Langzeiterwerbslose und dauerhaft prekär Erwerbstätige mit ein. Somit kann nicht nur die Rolle von Privaten bei der Entwicklung der sozialen Sicherung von Erwerbslosen aufgezeigt werden, sondern es wird auch ein breiterer kultureller Deutungsrahmen des Wandels der Erwerbsarbeit und des Begriffes der Sicherung zur Anwendung gebracht.

Das Forschungsprojekt ist komparatistisch angelegt und untersucht in fünf exemplarischen Lokalstudien (Genf, La Chaux-de-Fonds, Basel, Lausanne, Zürich) die Entstehung, Entwicklung und Praxen von organisierten Erwerbslosengruppierungen. Somit ist es nicht nur möglich, spezifische Ausgestaltungen einzelner Komitees aufzuzeigen, sondern es wird auch ein exemplarischer Vergleich zwischen zwei Sprachregionen ermöglicht. Gleichzeitig sollen auch nationale Vernetzungen aufgezeigt, sowie transnationale Bezüge zu ähnlichen Entwicklungen in westeuropäischen Sozialstaaten sowie den dortigen Erwerbslosenbewegungen gemacht werden. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1975, als „nach dem Boom“ das Obligatorium bei der Arbeitslosenversicherung in der Schweiz eingeführt wurde und erste Arbeitslosenkomitees entstanden, bis um 2010, der vierten Revision bei der Arbeitslosenversicherung. Dabei soll das Selbstverständnis einer sich formierenden Gruppe, der der organisierten Erwerbslosen, während eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses in Bezug auf den Sozialstaat, die soziale Sicherheit und die Lohnarbeitsgesellschaft, analysiert werden. Das Projekt fragt nach politischen Diskursen, Kritik und Einflussnahme auf sozialstaatliche Massnahmen, sowie nach Sicherungsfunktionen von Arbeitslosenkomitees in Form von eigenen Strukturen. Teil der Analyse sind die subjektiven Auswirkungen des Wandels der staatlichen sozialen Sicherheitsinstitutionen auf die betroffenen Akteur_innen. Ein zentrales Moment ist die Einführung von aktivierungspolitischen Massnahmen und deren Folgen auf die Arbeitslosenkomitees. Die zu überprüfende These meines Forschungsprojektes ist, dass die Aktivierungspolitik zu einer Institutionalisierung von selbstorganisierten Strukturen und gegebenenfalls zu deren Indienstnahme führte.

Die kultur- und sozialhistorische Analyse stützt sich auf umfassende Quellenbeständen aus Privatarchiven von Arbeitslosenkomitees in Basel, Lausanne, Genf und La Chaux-de-Fonds sowie aus Beständen aus dem Schweizerischen Sozialarchiv (Zürcher Arbeitslosenkomitee) und den archives contestataires (Association pour la défense des chômeurs Genève).