Die Freundin. Modernes Subjekt und personale Beziehung um 1900

Anna Leyrer

Erstgutachterin: Prof. Dr. Caroline Arni

Die Geschichte der Freundschaft als Beziehungsideal ist eine Geschichte von Freunden, verfassten doch Meisterdenker die „Figur des Freundes“ gewöhnlich in „Gestalt des Bruders“. In einem Zug wies diese Konfiguration Freundschaft als eine horizontale Beziehung von zwei gleich Gearteten und die darin Verbundenen als „männlich“ aus. Freundschaft unter Frauen und Freundschaft zwischen den Geschlechtern hingegen waren Figuren der Unmöglichkeit. Die europäische Moderne führte diese androzentrische Fassung von Freundschaft weiter, indem sie „Brüderlichkeit“ mit „Freiheit“ und „Gleichheit“ zum bürgerlich-revolutionären Dreiklang verband und das Horizontale der Freundschaft als jene politische Egalität verfasste, zu der Männer qua ihrer Fähigkeit zu Individuierung begabt waren. Wurde Freundschaft auf diese Weise politisch aufgeladen, so konkretisierte sie ihrerseits das demokratische Ideal in einer androzentrisch verfassten Beziehungsform, was mit dem Ausschluss von Frauen aus politischen Institutionen und Rechten korrespondierte. Zugleich aber eröffnete Freundschaft als Praxis den Frauen auch einen Spielraum. So ist es zu verstehen, dass aufgeklärte Salonnièren im 18. und frühen 19. Jahrhundert ebenso wie feministische Aktivistinnen und weibliche Intellektuelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Codierung der Freundschaft als Beziehung unter individuierten Gleichen nutzten, um sich als Subjekte im modernen Sinn zur Geltung zu bringen.

Hier setzt das Vorhaben ein. Untersucht wird, inwiefern Freundschaft für Frauen eine Praxis der Behauptung weiblicher Subjektivität sein konnte nicht trotz, sondern weil Freundschaft unter Frauen und Freundschaft zwischen den Geschlechtern negiert war: Insofern als die Unmöglichkeit der „Freundin“ damit begründet wurde, dass Frauen keine individuierte Gleiche sein konnten, widerlegte weibliche Freundschaftspraxis die Behauptung weiblicher Unfähigkeit zu solcher Subjektivität. Das Projekt geht davon aus, dass dieser Zusammenhang das 19. und 20. Jahrhundert überspannte, konfrontiert diese Annahme aber mit der Beobachtung, dass Thematisierungen von Individualität sich im genannten Zeitraum veränderten und dabei auch Geschlechterdifferenz stets neu ausgerichtet wurde. Zur Untersuchung einer solchen Konstellation von Kontinuität und Diskontinuität bietet sich eine Kombination aus mikrohistorischer Perspektive und fallstudienorientiertem Vorgehen an. Dazu werden Schrifttum und Beziehungspraxis der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937) ins Zentrum gestellt. Mit ihr lässt sich der Akzent auf den Zeitraum um 1900 setzen, in dem die personale Beziehung in ihrem Verhältnis zu Individualität und Geschlecht in gesellschaftspolitischen Debatten problematisiert, in wissenschaftlichen Diskursen theoretisiert und in sozialen Bewegungen zum Gegenstand experimenteller Praktik wurde. In dreifacher Hinsicht soll die Fallstudie über sich hinausweisen: erstens als Beitrag zu einer Geschlechtergeschichte der Neuzeit, die nicht in einer Geschichte des Ausschlusses von Frauen aufgeht, sondern stattdessen nach Praktiken weiblicher Subjektivität fragt; zweitens als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Freundschaft nach der Epochenschwelle um 1800 jenseits von Narrativen des Niedergangs; drittens als Beitrag zu einer Geschichte der Moderne, welche die epochale Bedeutung von „Beziehung“ ernst nimmt.