Kinderstuben. Kinder in stadtbürgerlichen Haushalten der Deutschschweiz (1750-1830)

Elise Voerkel

Erstgutachterin: Prof. Claudia Opitz-Belakhal - Zweitgutachterin: Prof. Susanna Burghartz

Das Projekt ist in das SNF-Sinergia-Projekt „Doing House and Family“ eingebunden. In diesem Rahmenprojekt stehen die Interaktionen zwischen dem Haus und seiner sozialen Umgebung im Vordergrund. Wie sich Haus, Haushalt und Familie und ihr jeweiliger Austausch mit der Gesellschaft in einer besonders dynamischen Periode zwischen 1700 und 1850 verändert haben, gehört zu den Leitfragen, die in Teilprojekten zu Materieller Kultur und Konsum, Sozialen Räumen und Konflikten sowie drittens zum Themenkomplex Wissensproduktion und Kommunikation beantwortet werden sollen.
Dazu werden besonders die Praktiken in den Blick genommen: Wie gestaltete sich das alltägliche Leben im Haus und als Familie? Und wie haben sich diese Praktiken in einer Transformationsphase zwischen einer sogenannten „traditionellen“ und einer „modernen“ europäischen Gesellschaft verändert?
Seit Erscheinen von Philippe Ariès’ berühmter Studie zur Geschichte der Kindheit (1960) ist viel zur Geschichte der Kindheit geforscht worden. Der Fokus lag dabei aber bis vor Kurzem vor allem auf den (pädagogischen) Diskursen über Kindheit und Erziehung. Situation und Position der Kinder innerhalb der Familie und die hier stattfindende Erziehung (bevor die Kinder außerfamiliären Bildungsinstitutionen anvertraut werden) fand dabei selten Berücksichtigung. Auch wurden Kinder meist nur als „Objekte“ von Praktiken und Diskursen betrachtet. Erst jüngst hat die agency von Kindern verstärktes Interesse gefunden, etwa im Hinblick auf die Rolle von Kindern in europäischen Hexenprozessen. Die Handlungsoptionen und Spielräume von Kindern in der hierarchisch und patriarchal organisierten Welt der frühneuzeitlichen Gesellschaft sollen soweit möglich eine Perspektive des vorliegenden Projekts bilden.
Zugleich soll anhand von Autobiographien, Korrespondenzen mit und über Kinder und weiteren Selbstzeugnissen aus dem protestantischen Basel untersucht werden, wie die aufklärerischen Debatten über Familie, Kindererziehung und Bildung sich auf die bürgerliche Identitätsbildung und familiäre Praktiken auswirkten. Wichtige Fragen sind hier: Wann und wie erscheinen Kinder und Erziehungsfragen in den Egodokumenten der begüterten Basler Familien? Gibt es diesbezüglich zwischen 1750 und 1830 Veränderungen? Bringen sich die aufgeklärten Väter nun stärker als bislang in die Kindererziehung (zumindest der Söhne) ein? Oder werden die Kinder nun vollständiger als je einer neu konzeptualisierten Mutterliebe anvertraut? Welche Rollen spielen andere männliche Verwandte, wie stark sind Tanten, Cousinen, aber auch Dienstboten und Hauslehrer in die Erziehung eingebunden?
Als Teil des Themenblocks Wissensproduktion und Kommunikation untersucht das Projekt also, wie Erziehungswissen innerhalb der Haushalte weitergegeben und wem welche Kompetenz in Erziehungsfragen zugewiesen wurde. Schließlich ist auch zu untersuchen, wo die familiäre Erziehung an ihre (selbst empfundenen oder sich aus der pädagogischen Diskussion ergebenden) Grenzen stösst und welche Erwartungen mit der Erziehung von Jugendlichen in fremden Familien oder Internaten verbunden wurden.