Imperium, Nation und Familie: Die Kiever Familie Šul’gin/Šul’hyn und die Entstehung des russisch-ukrainischen Gegensatzes

Fabian Baumann

Erstgutachter: Prof. Dr. F. Benjamin Schenk. Zweitgutachter: Prof. Dr. Alexei Miller

Die Geschichte des russischen und des ukrainischen Nationalismus sind aufs Engste miteinander verflochten. Das Forschungsprojekt befasst sich mit der Entstehung des Konflikts zwischen diesen zwei zunächst nahe verbundenen, später immer stärker entgegengesetzten politischen Bewegungen. Dabei soll die Familiengeschichte der Kiever Journalisten- und Politikerdynastie Šul’gin/Šul’hyn den Rahmen für eine verflechtungsgeschichtliche Untersuchung des russischen und ukrainischen Nationalismus bilden. Mehrere Mitglieder dieser Familie nahmen zwischen den 1860er-Jahren und der Zeit des Russischen Bürgerkriegs aktiv an den Debatten über die russische und die ukrainische Nation teil und prägten als Publizisten und Politiker die entstehenden nationalistischen Ideologien und Organisationen auf beiden Seiten.

Anhand der Beteiligung der Šul’gins/Šul’hyns an der Entwicklung nationaler Ideologien und an den Aktivitäten nationalistischer Organisationen sollen die wichtigsten Etappen in der Auseinanderentwicklung des russischen und ukrainischen Nationalismus mikrohistorisch dargestellt werden: Ihre gemeinsamen Wurzeln in der Kiever Intelligenzia der 1860er-Jahre, ihre politische Konkurrenz im späteren 19. Jahrhundert, ihr Eintritt in das Zeitalter der Massenpolitik nach 1905 und schliesslich ihre offene Konfrontation in Revolution und Bürgerkrieg.

Weshalb entschieden sich Mitglieder ein und derselben Familie – die ja alle den selben kulturellen und sozialen Hintergrund hatten – für zwei verschiedene nationale Projekte? Warum wurde die nationale Loyalität wichtiger als die familiäre – und wie verhielt sie sich zur imperialen Identität? Inwiefern beeinflussten die Šul’gins/Šul’hyns die entstehenden Nationalbewegungen und -ideologien – und inwiefern wurden ihre Lebenswege durch sie geprägt? Durch die Beantwortung dieser Fragen leistet das Forschungsvorhaben einen Beitrag zur transnationalen Geschichtsschreibung des Nationalismus, zur Historiographie des sich nationalisierenden Imperiums und zur Biographik im imperialen Kontext.