Ausflüge ins Ungewisse. Zur Beziehung von Geschichte und Psychoanalyse - 17. - 18.03.2017

Workshop mit Judith Kasper, Regina Schulte und Lilli Gast

Psychoanalyse und Geschichtswissenschaften waren nie einträchtige Partnerinnen, im Gegenteil: Die Psychoanalyse gilt HistorikerInnen als antihistorisch in ihrer Annahme immergleicher Triebstrukturen, als reaktionär in der Reproduktion von Familien- und Geschlechterbeziehungen und als spekulativ in der Analyse des Unbewussten. Auch das in den späten 50er Jahren entstehende Feld der Psychohistorie hat sich im Mainstream der Disziplin nicht etablieren und das Ansehen der Psychoanalyse kaum verbessern können. Dennoch hat vor wenigen Jahren (ausgerechnet) die Geschlechterhistorikerin und Feministin Joan Scott begonnen, das Terrain neu auszuloten; unter anderem mit Bezugnahme auf den französischen Philosophen und Historiker Michel de Certeau. Sie schlägt vor, Psychoanalyse als eine epistemologische Herausforderung zu sehen. Ein psychoanalytischer Fokus, so Scott, könnte der Ambiguität, dem Nicht-Wissen und der Irrationalität im historischen Arbeiten mehr Raum geben.  Konkret plädiert Scott für einen Schwerpunkt auf kritischen Lektüren statt auf  der Arbeit an Klassifikationen,  einer Problematisierung des Umgangs mit zeitlichen Kategorien, sowie dafür, eine stärker selbst-reflexive Praxis anzustreben; das eigene Denken mit zum Gegenstand der Untersuchung zu machen.

Das Fragezeichen, das der Begriff des Unbewussten hinter unsere Vorstellung von Vernunft setzt genauso wie die „fantasy“, die Scott evoziert, um eine Ebene quer zu etablierten historischen Kategorien zu bezeichnen,  könnte für HistorikerInnen insbesondere dort neue Perspektiven erschließen, wo sie sich mit den Dimensionen personaler Beziehungen beschäftigen – wie es in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend der Fall ist: Ein von der Sozialanthropologie inspirierter Fokus auf „cultures of relatedness“ hat sowohl in die historische Verwandtschaftsforschung wie in die kultur- und geschlechtergeschichtliche Forschung Einzug gehalten; und auch die Emotionalität solcher Beziehungen gerät in den Blick. Der Workshop will die Eignung eines psychoanalytisch informierten Blicks auf personale Beziehungen und ihre „Irrationalität“ für die Geschichtswissenschaft zur Diskussion stellen. Den TeilnehmerInnen wird angeboten, eigene Arbeiten zu präsentieren und sie im Hinblick auf die Fragestellung des Workshops zur Diskussion zu stellen. 

Wann und wo

17. März (nachmittags) und 18. März (vormittags) 2017.
Departement Geschichte, Hirschgässlein 21, 4051 Basel, Seminarraum 4

Wer

Als Expertinnen anwesend sind Judith Kasper (LMU München), Regina Schulte (Ruhr-Uni Bochum) und Lilli Gast (IPU Berlin), mit denen auf Grundlage einschlägiger Lektüre diskutiert werden kann. Organisiert durch Anna Leyrer (Basel).

Anmeldung

Für alle TeilnehmerInnen: bis zum 3. März 2017 per Email an anna.leyrer@unibas.ch.
Für Doktorierende der Universität Basel, die einen KP erwerben möchten: Zusätzlich über MOnA

Programm

Freitag, 17.3.17

ab 13.00 Uhr: Ankommen und Lunch

14.00 Uhr: Begrüssung, kurze Einführung und Vorstellungsrunde durch Caroline Arni und Anna Leyrer

bis 18.30 Uhr: gemeinsame Lektüre und Diskussion:  

Textgrundlage:

Michel de Certeau: Theoretische Fiktionen (Auszüge).

Joan W. Scott: The Incommensurability of Psychoanalysis and History.

Esther Fischer-Homberger: Was za/ählt Beziehung? Beziehung, Psychotherapie und Geld bei Pierre Janet und Sigmund Freud.

19.00 Uhr: gemeinsames Abendessen im Restaurant Alter Zoll, Elsässerstrasse 127, 5046 Basel

Samstag, 18.3.17

9.00 bis 12.30 Uhr: Quellendiskussion, jeweils mit kurzer Einführung

1) aus dem Projekt von Anna Leyrer über die Freundin um 1900

2) aus dem Projekt von Mirjam Hähnle über Wissen und Forschen in der deutsch-dänischen Arabien-Expedition

3) aus dem Projekt von Matina Lienhard über Schizophrenie und Familie im 20. Jahrhundert

Textgrundlage:

Lou Andreas-Salomé: Was daraus folgt, dass es nicht die Frau war, die den Vater totgeschlagen hat.

Carsten Niebuhr: Anmerkungen zu Alexandrien.

Frieda Fromm-Reichmann: Notes on the mother rôle in the family group.

13.00 Uhr: gemeinsames Mittagessen im Caffè zum Kuss, Elisabethenstrasse 59, 4051 Basel

Rückfragen

anna.leyrer@unibas.ch