Historische Museumsanalyse: Die Museen in der ehemaligen Sowjetunion - 3.-4.7.2017

Doktorierendenworkshop im FS 2017

Führung im Zentralmuseum der Roten Armee, 12.12.1946 (ZMKA, V. 98, 13788)

Die Museen der ehemaligen Sowjetunion unterschieden sich in vielerlei Hinsicht von denen in Westeuropa. Anstelle einer Ansammlung von Reichtümern der künstlerischen Vergangenheit oder der Demonstration kostbarer Originale scheint das sowjetische Museum primär einem anderen Zweck gedient zu haben: Es kann als Lernort verstanden werden, an dem Wissen vermittelt, der Geschmack geschult und politische Narrative gelehrt wurde. Der Besuch war für Schulklassen und Arbeiterkollektive obligatorisch.
Als Forschungsgegenstand besticht das sowjetische Museum durch seine empirische Heterogenität. Die Führungsskripte geben einen Einblick in die Funktionsweise des „Erfahrungsraums Ausstellung“ und die Gästebucheinträge können als dissonanter Chor von Besuchermeinungen und als eigenständige Sprechform von Affirmation bzw. Dissens in der sowjetischen Gesellschaft gelesen werden.
Eine akteurskonzentrierte Perspektive auf die Muzejšiki kann neue Einblicke in das Selbstverständnis der sowjetischen AusstellungsmacherInnen eröffnen und ihre unerwarteten Spielräume aufzeigen.
Eine weitere Eigenschaft des sowjetischen Museums scheint die Betonung der Gegenständlichkeit und Konkretheit seiner Objekte gewesen zu sein. Dabei ging es in erster Linie nicht um das einzigartige Original, sondern vielmehr um die unzweideutige Aussagekraft der (alltäglichen) Dinge. Der gewünschte Lerneffekt materialisierte sich zum Beispiel in „atmosphärischen Rekonstruktionen“: Die Nachbildung eines Interieurs oder in Dioramen, die von Ton- und Lichteffekten unterstützt wurden; sie machten die Besucher zu „secondary witnesses“– die Vergangenheit sollte mit allen Sinnen nacherlebt werden. Für die Beschreibung dieser (häufig als naiv oder unreflektiert bezeichneten) Ausstellungsform versprechen die Ansätze aus den material studies sowie der Geschichte der Emotionen neue Erkenntnisansätze.
Der Workshop versammelt Forschungsprojekte, um gemeinsam Fragen zu Untersuchungsmethoden vergangener Ausstellungen und zur historischen Museumsanalyse zu diskutieren. Der Fokus liegt dabei bewusst auf Museen des (post-) sowjetischen Raums mit dem Ziel, Besonderheiten der sowjetischen Museumskultur zu erkennen.
Idealerweise gelangen wir dabei zu einem „Verständnis des sowjetischen Museums, das mehr ist als eine bloße Indoktrinations- und Propaganda-Einrichtung“ (Karl Schlögel).
Die Vorträge der teilnehmenden Forschenden geben Einblick in verschiedenste Museen der Sowjetunion und stellen gemeinsam mit den Kommentaren der externen Expertinnen und Experten die Diskussionsgrundlage dar. Der Workshop wird ergänzt von der keynote lecture von Roland Cvetkovski über die Ursprünge der sowjetischen Museen im Kontext der Russischen Revolution.
Der Workshop richtet sich an Masterstudierende und Doktorierende, die sich für das Feld der historischen Museumsanalyse interessieren. Am Beispiel der sowjetischen Museumskultur lassen sich Erkenntnisse für eine vergleichende, transnationale Erforschung von Museen gewinnen.

Wann & wo

Mo, 3.7.2017 (13:00-18:00)
Di, 4.7.2017 (9:00-13:00)

Alte Universität, Am Rheinsprung 9, Basel
Raum U201 (im Untergeschoss)

Anmeldung

Für alle TeilnehmerInnen: per Email an anne.hasselmann@unibas.ch.
Für Doktorierende der Universität Basel, die einen KP erwerben möchten: Zusätzlich über MOnA.

Programm

Montag 3. Juli 2017

14:00, Begrüssung & Vorstellungsrunde

Panel 1, 14:30-16:30

Moderation: Nadine Freiermuth Samardzic (Universität Basel)

Anne Wanner (Universität Tübingen): "Wichtige Anregungen" und "zu viele Leninmützen". Museumsmitarbeiter des Leipziger Sportmuseums und des Dresdner Stadtmuseums auf Dienstreise in sowjetischen Museen. 

Natalja Salnikova (Universität Freiburg): Die Repräsentation des Vielvölkerstaates in sowjetischen Heimatkundemuseen am Beispiel des Zentralmuseums der Wolgadeutschen Republik in Engels.

Jörg Morré (Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst): Entsowjetisierung eines Museums. Vom "Kapitulationsmuseum" zum "Deutsch-Russischen Museum" in Berlin-Karlshorst.

Kommentar: Martina Baleva (Universität Basel)

Kaffeepause, 16:30-17:00

KEY NOTE: Roland Cvetkovski (Universität zu Köln): Dinge einer Ausstellung oder eine Gesellschaft in der Totale. Überlegungen zu einer sowjetischen Museumskultur.

18:30, Abendessen 

Dienstag 4. Juli 2017


Panel 2, 09:00-11:00

Moderation: Anne Krier (Universität Zürich)

Mirjam Voerkelius (University of Berkeley, CA): Popularizing Darwinism: Art and Science at the Moscow Darwin Museum.

Anne E. Hasselmann (Universität Basel): Die ersten Ausstellungen zum Grossen Vaterländischen Krieg in Moskau, Minsk und Tscheljabinsk.

Mischa Gabowitsch (Einstein Forum Potsdam): Die Künstler des Marschalls: Kliment Vorošilovs Patronagenetzwerk und die sowjetischen Kriegsdenkmäler. 

Kommentar: Gertrud Pickhan (Freie Universität Berlin)

Kaffeepause, 11:00-11:30

Panel 3, 11:30-13:30

Moderation: Felix Frey (ETH Zürich)

Ekaterina Makhotina (Universität Bonn): Revolutionierung der Museen, Musealisierung der Revolution: Inszenierung der Geschichte im Revolutionsmuseum der Litauischen Sowjetrepublik.

Marina Shcherbakova (Universität Heidelberg): Zwischen Leningrad und Berdyčiv: Die Rezeptionsgeschichte der sowjetischen Judaica-Ausstellungen der 1930er Jahre am Beispiel der Museums-Gästebücher.

Katharina Schwinde (Stiftung Ettersberg, Weimar): Kirche, Lager oder Museum? Die Interpretation einer ‚doppelt’ belasteten Vergangenheit im Solovecker Museum der 1960er Jahre.

Kommentar: Benjamin Schenk (Universität Basel)

Kontakt

anne.hasselmann@unibas.ch