Französische Sozialtheorie. Analysen, Konzepte und Anwendungsfelder für die historiographische Praxisforschung - 5.-6.10.2017

Workshop mit Dr. Tanja Bogusz

Französische Sozialtheorien erfreuen sich einer anhaltenden Rezeption und Beliebtheit in den Geschichtswissenschaften. Allerdings bleibt während des Studiums und auch noch in der Doktoratsphase häufig kaum Zeit, sich systematisch und vergleichend in die komplexen und  konfligierenden Ansätze zu vertiefen. Der Workshop strebt an, diese Lücke zu füllen, indem eine systematische Einführung in die relevanten französischen Sozialtheorien des 20. und 21. Jahrhunderts gegeben wird. Dabei geht es zum einen um epistemologische und forschungspraktische Entwicklungen vom Strukturalismus (Durkheim, Mauss, Lévi-Strauss), über die Praxistheorie (Bourdieu), die Gouvernementalitätstheorie (Foucault), den Neopragmatismus (Boltanski & Thévenot) bis zur Akteur-Netzwerk-Theorie (Callon, Latour) und der Naturanthropologie (Descola). Zum anderen soll die konkrete Anschlussfähigkeit dieser vielfältigen Ansätze für die Geschichtswissenschaften entlang der Doktoratsprojekte diskutiert werden, welche die TeilnehmerInnen beschäftigen. Auf diese Weise wollen wir die heuristischen Erträge der französischen Sozialtheorien für die zeitgenössische Geschichtsforschung im Modus einer geteilten Laborsituation erschließen.

Zur Vorbereitung muss folgender Text gelesen werden:

Bourdieu, Pierre und Jean-Claude Passeron (1981): „Soziologie und Philosophie in Frankreich seit 1945. Tod und Wiederauferstehung einer Philosophie ohne Subjekt“, in: Lepenies, Wolf (Hg.): Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, historischen und sozialen Identität einer Disziplin. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 496-551.

Wann und Wo

Do. 5. Oktober - Fr. 6. Oktober
Departement Geschichte, Hirschgässlein 21, 4051 Basel

Programm

Donnerstag, 5.10.2017 

09.30-10.30 Vorstellung Plan, Gruppe, Input Einführung in die frz. Sozialtheorien I

10.30-11.30 Einzelarbeit Lektüre I

11.30-11.45 Pause

11.45-12.30 Diskussion im Plenum 

12.30-13.30 Mittagessen

13.30-14.30 Input Einführung in die frz. Sozialtheorien II

14.30-16.00 Gruppenarbeit Walking-Lectures

16.00-16.15 Pause

16.15-17.00 Diskussion im Plenum

17.00-18.00 Erstes Feed-Back, Modifizierung Programm für Freitag

Freitag, 6.10.2017 9.00-15.00 Uhr

09.00-10.00 Input Einführung in die frz. Sozialtheorien III 

10.00-11.00 Einzelarbeit Lektüre II

11.00-11.15 Pause

11.15-12.00 Diskussion im Plenum 

12.00-13.00 Mittagessen

13.00-13.30 Input: Akteure, Aktanten und Sozialökologien heute

13.30-14.15 Gruppenarbeit Walking-Lectures 

14.15-15.00 Resumé, Feed-back-Runde und Abschlussdiskussion im Plenum

Wer

Dr. Tanja Bogusz hat seit April 2016 die Gastprofessur für „Soziologie sozialer Disparitäten“ an der Universität Kassel inne. Ihre empirischen Forschungsschwerpunkte haben sich vom Feld der Kulturproduktion (Kunst und Theater) inzwischen auf die Wissenschafts- und Technikforschung (STS) und die Biodiversitätsforschung verlagert. Ihr Forschungsstil ist pragmatistisch und praxistheoretisch orientiert und verbindet ethnografische Explorationen mit sozial- und wissenschaftstheoretischen Erkenntnisverfahren. 

Anmeldung

Für alle Teilnehmende: bis zum 15. September via Anmeldeformular

An beiden Tagen ist ein gemeinsamer Lunch geplant, zu dem alle Teilnehmenden herzlich eingeladen sind.

Für Doktorierende, die einen Kreditpunkt erwerben möchten: zusätzlich über MOnA.

Weiterführende Literatur

Bogusz, Tanja: Zur Aktualität von Luc Boltanski. Einleitung in sein Werk, Wiesbaden: Springer VS 2010

Bogusz, Tanja: „Synchronisationen. Bourdieu, Durkheim und die Ethnologie“, in: Bogusz, Tanja und Heike Delitz (Hg.): Émile Durkheim. Soziologie – Ethnologie – Philosophie, Frankfurt am Main & New York: Campus 2013, S. 348-361.

Bogusz, Tanja: „Dekolonisierung des Denkens. Was wir von Descola lernen“, in: Mittelweg 36 / 22, (2013), S. 46-62.

Boltanski, Luc: Soziologie und Sozialkritik. Frankfurter Adorno Vorlesungen 2008, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 15-37. 

Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik in der Dynamik des Kapitalismus und der normative Wandel“, in: Berliner Journal für Soziologie, Heft 4 / 2001, S. 459-477. 

Boltanski, Luc und Laurent Thévenot (2013 [1999]): „Die Soziologie der kritischen Kompetenzen”, in: Diaz-Bone, Rainer (Hg.): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt am Main & New York: Campus, S. 43-68.

Bourdieu, Pierre: „Strukturalismus und soziologische Wissenschaftstheorie“, in: ders.: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 7-41.

Bourdieu, Pierre: „‚Fieldwork in Philosophy‘“, in: ders: Rede und Antwort, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992, S. 15-49.

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 171-202 und S. 277-298. 

Bourdieu, Pierre: Algerische Skizzen, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 303-335. 

Callon, Michel (2017 [1986]): „Einige Elemente der Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der Saint Brieuc-Bucht“, in: Bauer, Susanne, Torsten Heinemann und Thomas Lemke (Hg.): Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Berlin: Suhrkamp, S. 292-338.

Descola, Philippe: „Constructing natures. Symbolic ecology and social practice“, in: Descola, Philippe und Gisli Pálsson (Hg.): Nature and Society. Anthropological Perspectives, London: Routledge 1996, S. 82-102.

Descola, Philippe: Jenseits von Natur und Kultur, Berlin: Suhrkamp 2011, S. 11-18 und 363-394. 

Descola, Philippe und Tanja Bogusz: „Auf der Suche nach der Gesellschaft“. Tanja Bogusz im Gespräch mit Philippe Descola. In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung (22/2013). Dossier Philippe Descola, S. 27-45, oder hier : soziopolis.de/beobachten/wissenschaft/artikel/auf-der-suche-nach-der-gesellschaft/ 

Durkheim, Émile: Die Regeln der soziologischen Methode, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 105-140. 

Foucault, Michel: „Das Subjekt und die Macht“, in: Dreyfus, Hubert L. und Paul Rabinow (Hg.):  Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Weinheim: Beltz Juventa 1994, S. 241-261. 

Heilbron, Johan: „Practical Foundations of Theorizing in Sociology. The Case of Pierre Bourdieu“, in: Camic, Charles u.a. (Hg.) Social Knowledge in the Making, Cambridge: Cambridge University Press 2011, S. 181-205.

Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 15-24. 

Latour, Bruno (2015 [1992]): „Zirkulierende Referenz“ , in Ders.: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. 5. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 36-95.

Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.

Lévi-Strauss, Claude (1991 [1958]): „Der Strukturbegriff in der Ethnologie“, in Ders.: Strukturale Anthropologie I. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 299-346. 

Lévi-Strauss, Claude (1997 [1958]): Das wilde Denken, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 11-24.

Lepenies, Wolf: Soziologische Anthropologie, Frankfurt am Main, Berlin & Wien: Ullstein 1977, S. 9-41. 

Mauss, Marcel (1975 [1950]): „Die Techniken des Körpers“, in Ders: Soziologie und Anthropologie Band II. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 199-220. 

Sutter, Barbara: „Wissenschaftssoziologie der Soziologie“, in: Maasen, Sabine u.a.: Handbuch Wissenschaftssoziologie. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 429-441.

Yacine, Tassadite: „Die Entstehung einer singulären Ethnosoziologie“, in: Bourdieu, Pierre: Algerische Skizzen. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 24-68.

Rückfragen

roberto.sala@unibas.ch